Mit den Fingerspitzen dirigieren

Autor Rüdiger Etzold
Veröffentlichungsdatum 1985
Veröffentlicht in Zeitungsartikel
Original ansehen

Elektronik steuert auch Lenkung

Neu bei BMW: Viel Lenkhilfe beim Rangieren, wenig bei hohem Tempo

„High-Tech“ ist im Automobilbau angesagt. Obwohl im Ottomotor die Kolben seit nunmehr hundert Jahren immer noch rauf- und runtergleiten, wird in der Peripherie in verstärktem Maße die Elektronik eingesetzt. Ob Zündung, Motormanagement, Fahrwerk, Brems- oder Einspritzanlage – überall breitet sich die „Black-Box“ aus, jenes elektronische Bauelement, das wichtige Steuerfunktionen übernimmt. In Zukunft gibt es auch eine elektronische Steuereinheit für die Lenkung, denn schon seit geraumer Zeit sind die BMW-Techniker mit ihrer hydraulisch unterstützten Lenkung nicht mehr zufrieden.

Grundsätzlich gilt es bei den heutigen Automobilen zwei Lenkungsarten zu unterscheiden, und zwar die Lenkung mit ausschließlich manueller Betätigung und Lenkungen mit Hilfskraft, wobei die hydraulische Unterstützung stark verbreitet ist. Diese heutzutage in schweren Limousinen übliche Lenkungsart hat jedoch einen entscheidenden  Fehler: Zwar kann in der Entwicklungsphase das Verhältnis von aufzubringender Handkraft zu hydraulischer Unterstützung frei gewählt werden, doch bleibt dieses einmal gewählte Verhältnis nahezu bei allen Fahrgeschwindigkeiten gleich. Mithin kann diese Lenkung nicht die unterschiedlichen Fahrzustände – Einparken oder hohes Tempo – berücksichtigen.

Um dennoch zu einer befriedigenden Lösung zu kommen, gibt es die drehzahlabhängige Lenkunterstützung. Dabei wird mit zunehmender Motordrehzahl der Ölstrom in der Hydraulik reduziert, so daß die Lenkkräfte ansteigen und der Fahrer über die Lenkung einen besseren Kontakt zur Straße hat. Doch auch mit dieser in BMW-Fahrzeugen üblichen Lenkungsart gaben sich die Münchner nicht zufrieden, da sie drehzahlabhängig arbeitet und deshalb nicht in allen Bereichen das Optimum bieten kann.

Bei der neuen „Servotronic“ von BMW, die in Zukunft in alle neuen Modelle eingebaut werden soll, gibt es neben der bekannten Hydraulik einen elektronischen Baustein, die „Black-Box“ für die Lenkung und ein zusätzliches Ventilgehäuse. In Abhängigkeit von der Fahrgeschwindigkeit (nicht der Motordrehzahl) werden vom elektronischen Tachometer Signale an das elektronische Steuergerät übermittelt. Der Microcomputer überprüft und verarbeitet die Signale und gibt sie in Form einer bestimmten Stromstärke an das Ventil weiter, das in Abhängigkeit der Fahrzustände – Einparken oder hohes Tempo – den Steuerventil-Überdruck bestimmt.

Der Trick bei dieser Anordnung ist die sogenannte hydraulische Rückwirkung. Denn der auf den Ventilrückseiten wirkende Öldruck bewirkt die Größe der Kraft, die der Fahrer am Lenkrad aufbringen muß. Den Fahrer interessiert von dieser aufwendigen Technik natürlich vor allem die Wirkung. Und die ist, wie wir in einem Modell der Fünfer-Baureihe feststellen konnten, hervorragend. Im Stand läßt sich das Lenkrad mit zwei kleinen Fingern dirigieren, mit zunehmendem Tempo vergrößert sich die aufzubringende Kraft um fast den Faktor vier. Genau das ist erwünscht, denn nur so bekommt der Fahrer ein Gefühl für die Geschwindigkeit im Verhältnis zum Kurvenradius.

Hans-Rüdiger Etzold