Mit der Formel E für Wirtschaftlichkeit

Autor Rüdiger Etzold
Veröffentlichungsdatum 1980
Veröffentlicht in Zeitungsartikel
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Wolfsburg bringt nach den Werksferien neue Modellvarianten auf den Markt

Der Economy-Golf mit 50 PS wird rund sieben Liter Superbenzin auf 100 Kilometer verbrauchen

Die Verkaufszahlen der inländischen Fahrzeughersteller lassen die Trendwende im Automobilgeschäft von Monat zu Monat deutlicher werden: Gefragt sind kraftstoffsparende Kompaktautos, Benzinfresser sind out. Um diesen Trend zu nutzen und den Verkauf weiter zu steigern, will VW schon nach den Werksferien zusätzliche Modellvarianten auf den Markt bringen, die unter dem neuen Wolfsburger Schlagwort „Formel E“ dem Kunden so^ fort signalisieren sollen, daß diese Automobile das derzeitig erreichbare Optimum an Energieeinsparung bieten.

Formel E (E für Economy = Wirtschaftlichkeit) — das ist ein Strauß von technischen Möglichkeiten, den Energieverbrauch unserer Automobile um über 15 Prozent abzusenken. Vorraussetzung ist allerdings, daß der Autofahrer umlernt und bewußter Auto fährt. Denn das Herzstück der Wolfsburger Formel E ist der lange vierte beziehungsweise fünfte Gang (in der Golf-Klasse 3 + E-Gang, in der Passat-Klasse mit hoher Motorisierung 4 + E-Gang). Lang bedeutet in diesem Zusammenhang, daß das Getriebe so ausgelegt ist, daß die Motordrehzahl bei gleicher Geschwindigkeit um rund 30 Prozent niedriger ist.

Die positiven Folgen sind eine Verbrauchsreduzierung von etwa zehn Prozent und eine Geräuschabsenkung um drei Dezibel. Negativ macht sich die lange Übersetzung vor allem beim Beschleunigen bemerkbar. Es tritt der Dieselmotoreffekt ein, das Fahrzeug kommt langsamer auf Touren. Um dennoch ausreichend Elastizität zur Verfügung zu haben, werden die Motoren in der Golfklasse (50 PS) höher verdichtet, ohne die Motorleistung zu steigern. Statt dessen kommt eine neu abgestimmte Nockenwelle zum Einsatz, die dem Motor zu einem stärkeren Durchzugsvermögen (Büffelcharakteristik) aus mittleren Drehzahlen verhilft.

Für den Autofahrer bedeutet die neue Motor-Getriebeabstufung mehr Schaltarbeit. Dennoch ist der aus Käferzeiten her bekannte Rat „jubeln muß er“ im Interesse einer langen Motorlebensdauer wie auch im Hinblick auf einen niedrigen Energieverbrauch schlicht und einfach falsch. Damit nun der Autofahrer bei der Schaltarbeit nicht überfordert wird, haben sich die Wolfsburger Techniker zusätzlich eine Gang- und Verbrauchsanzeige ausgedacht. Die Ingenieure setzen dazu eine elektronische Schaltung ein, die ihre Informationen von der jeweiligen Motordrehzahl und der Vergaser-Drosselklappenstellung erhält, diese verarbeitet und über eine Leuchtdiode dem Fahrer anzeigt, wann er im Interesse niedrigen Verbrauchs tunlichst in den nächst höheren Gang schalten sollte. Nachdem der Fahrer den wirtschaftlichsten Gang gewählt hat, zeigt ein Zeiger auf einer Skala den momentanen Verbrauch in Liter pro 100 Kilometer an. Von dieser Verbrauchs- und Schaltanzeige erhofft man sich eine Verbrauchsminderung um acht Prozent.

Auf der Suche nach weiteren Maßnahmen zur Energieeinsparung wurden selbst kleinere Details nicht außer acht gelassen. So sollen alle VW-Motoren sukzessive mit einer elektronischen Zündung und einer digitalen Leerlaufstabilisierung ausgestattet werden. Außerdem kommt ein superschmierendes Mehrbereichsöl zum Einsatz, von dem die Wolfsburger Forscher ermittelt haben, daß es im Normalbetrieb bis zu einem Prozent und im Winter sogar zwei bis drei Prozent Kraftstoff einsparen hilft.

Neu im VW-Programm wird auch ein Start/-Stop-System sein, mit dem der Fahrzeugmotor schnell abgeschaltet und wieder gestartet werden kann, zum Beispiel in Staus oder an Ampeln mit langer Rotphase. In der Praxis sieht das so aus, daß der Fahrer an der Armaturentafel einen Knopf drückt und dadurch den Motor durch Absperren der Kraftstoffzufuhr abschaltet. Zum Anfahren muß der Fahrer die Kupplung treten, den ersten Gang einlegen und Gas geben. Dann wird der Motor über den Anlasser wieder gestartet. Untersuchungen haben ergeben, daß sich im Europa-Stadtzyklus etwa zehn bis fünfzehn Prozent Kraftstoff einsparen lassen. Vorausgesetzt, der Fahrer nutzt das Start/Stop-System oft genug.

Schon heute haben die VW-Dieselmotoren in der Fertigung ein engeres Toleranzband, da sie gegenüber einem Benziner wesentlich höhere Drücke verdauen müssen. Mit Nachdruck arbeitet VW an Änderungen der hochautomatisierten Fertigungsanlagen, um die Toleranzen auch bei Benzinmotoren auf Dieselmotorenniveau einzuengen. Dann nämlich ist es möglich, das Verdichtungsverhältnis um zwei bis drei Einheiten anzuheben, was eine Kraftstoffreduzierung um bis zu acht Prozent ermöglicht. Diese Einsparung gilt sowohl für Normal- wie auch für Superbenzinmotoren.

Neben diesen schon im kommenden Modelljahr vorhandenen kraftstoff sparenden Möglichkeiten arbeitet VW auch an einem Freilauf, bei dem die kinetische Energie des rollenden Fahr-jeugs zum Anfahren genutzt wird. Das System, mit Kupplungsstellmotor, der immer dann den Motor vom Getriebe trennt, wenn der Fahrer den Fuß vom Gaspedal nimmt, existiert schon, ist aber noch nicht serienreif.

Natürlich darf bei der Aufzählung energieeinsparender Maßnahmen der Dieselmotor nicht fehlen, bei dem VW mit dem 1,5-Liter-Aggregat schon vor Jahren neue Maßstäbe gesetzt hat. Der Dieselmotor spart im Vergleich zu einem Benzinmotor im Teillastbereich bis zu 35 Prozent und im Kurzstreckenverkehr bis zu 50 Prozent, während unter Vollast keine nennenswerte Verbrauchsreduzierung erfolgt. Der VW-Diesel, derzeit mit dem Wirbelkammer-Einspritzverfahren ausgestattet, soll noch in den achtziger Jahren auf Kraftstoffdirekteinspritzung umgerüstet werden, was gegenüber dem jetzigen Verfahren eine Verbrauchsreduzierung von etwa zehn Prozent erbringen dürfte. Momentan sind die Entwickler beim Direkteinspritzer allerdings noch nicht zufrieden mit dem Abgas, den Geräuschen, dem Kaltstart und der Wartungsfreundlichkeit.

Deshalb wird man beim Diesel erstmal auf die Turboaufladung setzen, die schon in diesem Sommer im Programm sein wird. Besonders beim Dieselmotor empfiehlt sich die Turboaufladung, da dann trotz angehobener Leistung aufgrund der gestiegenen Mitteldrücke mit einer Verbrauchssenkung um acht Prozent gerechnet werden kann. Dabei werden die Fahrleistungen eines hubraumgleichen Ottomotors erreicht. Zur Disposition stehen zwei Turbo-aufgeladene Dieselaggregate, und zwar ein 1,6-Liter-Motor mit 70 PS und ein 2,0-Liter-Fünfzylinder mit 90 PS.

Mit der „Formel E“ hat VW zweifelols die Weichen in die richtige Richtung gestellt. Der Economy-Golf mit 50 PS wird gegenüber seinem bisherigen Bruder im Schnitt zwei Liter Benzin auf 100 Kiölmeter weniger verbrauchen und mit rund sieben Liter Superbenzin auskommen. Allerdings bleibt abzuwarten,wieviel der Autofah-jer hinblättern muß, bevor er energiesparend Auto fahren kann. Spätestens nach den Wolfsburger Werksferien werden wir es genau wissen.

HANS-RÜDIGER ETZOLD