Noch nicht großserienreif

Autor Rüdiger Etzold
Veröffentlichungsdatum 1985
Veröffentlicht in Süddeutsche Zeitung
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Kunststoff hat im Automobilbau eine Zukunft

Das Voll-Kunststoff-Auto läßt noch auf sich warten

Anläßlich der Internationalen Automobil-Ausstellung in Frankfurt diskutierten die führenden Karosserie- und Kunststofftechniker der deutschen Automobilindustrie im Batelle-Institut über das Kunststoffauto und den Einsatz von Kunststoffen im Fahrzeugbau. Dabei wurden von allen anwesenden Technikern zwei generelle Aussagen vorbehaltlos unterstrichen: Das Voll-Kunststoff-Auto wird es für die Großserie in absehbarer Zeit nicht geben, jedoch wird sich der Einsatz an Kunststoffen im Fahrzeugbau kontinuierlich vergrößern.

Derzeit beträgt der Kunststoffanteil in einem Fahrzeug zwischen 12 und 13 Prozent. „Leider“, so Guntram Huber von Daimler Benz, „hat der Kunststoff den falschen Namen; denn vieles, was heute in Kunststoff gefertigt wird, ließe sich ohne diesen Stoff gar nicht oder nur unter äußerst schwierigen Bedingungen herstellen.“

Ein Beispiel dafür ist der Kunststofftank des VW-Golf. Um einen großen Tank zu verwirklichen, wurde jeder Zentimeter Raum unter dem Fahrzeug ausgenutzt. Dadurch ist der Tank zu einem recht bizarren Gebilde geworden, das in dieser Form in Blech nicht kostengünstig hätte produziert werden können. Ein anderes Beispiel sind die Stoßfänger: Es gibt praktisch keinen automobilen Großserienhersteller mehr, der nicht auf die Kunststoffummantelung zurückgreift. Das hat zwei wesentliche Vorteile: Man kann die Form des Stoßfängers nach Windkanal-Ergebnissen produzieren und gleichzeitig den Stoßfänger hautnah mit der übrigen Karosserie verbinden. Zudem erfordert die Oberfläche nur einen geringen Pflegeaufwand, sie rostet nicht -und beim leichten Touchieren zeigen sich keine Schäden. Für die Aufnahme der Aufprallenergie ist allerdings nach wie vor ein Stahlträger verantwortlich.

Kunststoff, das ist die allgemeine Ansicht, ist wesentlich leichter als Stahl und hält nahezu genausoviel aus. Wer schleppt beispielsweise heute noch gerne einen Wassereimer aus verzinktem Blech oder nimmt einen Benzinkanister aus Stahl – Kunststoff ist hier die Regel. Wenn aüch der Kunststoff leichter als Stahl ist, so liegen die Verhältnisse beim Auto allerdings etwas anders. Denn bei einem Fahrzeug treten hohe Biege- und Torsionskräfte (Verdrehkräfte) auf, die sich vorzüglich mit dem einfachen Stahlblech meistern lassen. Würde man im Fahrzeug-Unterbau auf Kunststoff zurückgreifen, wären die Holmquerschnitte im Vergleich zum Stahlblech wesentlich größer und eine Gewichtseinsparung bei Verwendung von Kunststoff nicht automatisch gegeben.

So liegt der Einsatz von großen Kunststoffflächen vornehmlich im Bereich von Türen und Hauben. Allerdings ist deren Einsatz auf die Kleinserie oder gar Einzelstücke (Rallyefahrzeuge) beschränkt Und das hat einen einfachen Grund: Beim Lackieren und dem anschließenden Trocknen sind hohe Temperaturen erforderlich, die ein Kotflügel aus Kunststoff nicht verträgt. Er muß also separat lackiert werden, was sich kostenmäßig in der Großserie noch nicht rechnet. Man arbeitet allerdings an anderen Lackierverfahren – und es ist nicht auszuschließen, daß schon in wenigen Jahren auch bei Großserienfahrzeugen Kotflügel und Hauben aus Kunststoff gefertigt sind.

Mehr wird es an Großteilen in absehbarer Zeit aus Kunststoff am Fahrzeug nicht geben; auch wenn es heutzutage einige Plastik-Fahrzeuge in Serie gibt, wie etwa die Chevrolette Corvette oder die gesamten VW-Buggies. Dabei handelt es sich allerdings um kleine und kleinste Serien, die anderen Herstellungsgesetzen unterliegen.

Sorgen bereiten den Technikern bei der verstärkten Verwendung von, Kunststoff noch zwei Punkte: Geklärt ist noch immer nicht, wie sich der abgelegte, verbrauchte Kunststoff langfristig mit unserer Umwelt verträgt – und wie er sinnvollerweise vernichtet werden müßte. Darüber hinaus sind die Techniker noch nicht mit dem Reparaturverhalten von Kunststoffteilen zufrieden. Das Blech kann nicht nur die Aufprallenergie besser verzehren, es läßt sich auch reparieren. Eine Beule ist schnell wieder aus dem Blech herausgetrieben. Beim Kunststoff fallen zwar kleinere Touchierungen nicht auf, bei größeren Blessuren muß jedoch das ganze Teil ausgewechselt werden. Nicht zuletzt deshalb wird sich der weitere Einsatz von Kunststoffen im Automobil vornehmlich unter dem Blechkleid, in Form von Dämm-Matten, Auskleidungen und Sitzen vollziehen.

Bleibt zu hoffen, daß es den Chemikern gelingt, den Kunststoff in noch freundlicheren und umweltfreundlicheren Strukturen herzustellen. Denn in so manchem Automodell ist ein derartiges Plastik-Ambiente anzutreffen, daß man wirklich nicht als „wohnlich“ oder „angenehm bezeichnen kann.

 

HANS-RÜDIGER ETZOLD