Öko-Golf nutzt eigenen Schwung

Autor Rüdiger Etzold
Veröffentlichungsdatum 1991
Veröffentlicht in Zeitungsartikel
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Elektroautos im Flottenversuch / Hybrid-Antrieb und Mix mit Methanol

(etz) Verbrauchssenkung und Schadstoffreduzierung sind zentrale Ziele bei der Entwicklung von Fahrzeugen für die Zukunft. Bei Volkswagen wird parallel an verschiedenen Konzepten gearbeitet. Am weitesten fortgeschritten ist der Öko-Golf, ein serienmäßiger Golf mit Katalysator-Dieselmotor und elektronisch gesteuerter „Schwung-Nutz-Automatik“ (SNA).

Dieses Konzept ist nahezu serienreif und wird bereits mit 65 Fahrzeugen im Praxistest erprobt, so auch bei der niedersächsischen Polizei. Die Verbindung von Kat-Diesel und SNA bringt rund 20 Prozent niedrigere Praxisverbräuche als ein Nur-Diesel und entsprechend geringere Emissionen. Bei der SNA wird der Motor immer, wenn er den Wagen nicht antreiben muß, vom Antriebsstrang abgekoppelt und abgeschaltet. Damit rollt das Auto ohne Verbrauch. Zum Motorstart genügt das Antippen des Gaspedals. Zur Zeit arbeitet VW an einer Weiterentwicklung dieses Systems für Otto-Motoren.

Ein weiteres Zukunftskonzept ist das Elektroautomobil. Bei VW wird sowohl an einem reinen Elektrokonzept, den Citystromern, als auch am sogenannten Hybrid-Antrieb geforscht. Die beiden Citystromer unterscheiden sich in ihrer Energiespeichertechnik: Der Elektro-Golf fährt mit Bleibatterien, erreicht damit 100 km/h und eine Reichweite von 50 Kilometern. Der Jetta verfügt dagegen über Natrium-Schwefel-Batterien, die eine höhere Energiedichte und eine längere Lebensdauer aufweisen. Damit ist eine „Spitze“ von 105 km/h bei einer Reichweite von 120 Kilometern möglich.

Fährt bei niedrigem Tempo mit Strom aus Batterien, bei höherer Geschwindigkeit mit Dieselantrieb: Hybrid-Golf von Volkswagen.

Fährt bei niedrigem Tempo mit Strom aus Batterien, bei höherer Geschwindigkeit mit Dieselantrieb: Hybrid-Golf von Volkswagen. (DK-Foto)

Beide Elektrofahrzeuge sind vor allem für den reinen Stadtverkehr geeignet, weil sie im Betrieb keinerlei Emissionen hervorbringen. Den E-Jetta erprobt VW im Flottenversuch, während der Golf mit der ausge-reifteren Bleibatterie schon im Großversuch bei

Kunden fährt. Typische ElektroNachteile, wie die geringen Fahrleistungen und die kurze Reichweite, könnten durch Hybridfahrzeuge vermieden werden. Diese Antriebs-„Zwitter“ verbinden die Vorteile des Elektromotors mit denen eines herkömmlichen Verbrennungsmotors. Im Hybrid-Golf wird automatisch zwischen Dieselmotor und Elektroantrieb umgeschaltet.

Der Kat-Diesel arbeitet beim Beschleunigen und bei Geschwindigkeiten über 60 km/h. Der E-Motor setzt dagegen seine sechs Kilowatt in Fahrphasen mit annähernd gleichem Tempo, etwa in der Stadt, ein. Dabei ist er gleichzeitig Anlasser und Schwungscheibe für den Verbrennungsmotor und Generator bei jedem Bremsvorgang.

Der Hybrid-Golf verbraucht im Stadtzyklus nur noch 2,5 Litern Diesel je 100 Kilometer. Dazu kommt allerdings noch ein Bedarf von 16,3 Kilowattstunden elektrischer Energie. Verbucht werden kann dafür eine Einsparung von über 50 Prozent bei den Schadstoff-Emissionen. In einem mehrjährigen Flottenversuch wird der Hybrid-Golf jetzt auf Alltagstauglichkeit getestet.

Daneben forschen die Ingenieure auch nach alternativen Kraftstoffen. In Frage kommen dafür in erster Linie Ethanol und Methanol. Ethanol wird aus Zuckerrohr hergestellt und in großen Mengen in Brasilien verwendet. Methanol hat dagegen den Durchbruch noch nicht geschafft. Das könnte sich aber schnell ändern: Vor allem in den USA besteht ein großes Interesse an diesem Kraftstoff, da dort schon in vielen Gegenden der festgelegte Ozon-Grenzwert überschritten wird.

Die VW-Forscher setzen auf ein „Multi-Fuel-Concept“ (MFC), bei dem die Motoren mit Methanol und Benzin betrieben werden können. Diese Auslegung berücksichtigt vor allem die mangelhafte Infrastruktur für die Methanolversorgung. MFC-Fahrzeuge fahren daher genauso mit Benzin, Methanol als auch mit jeder beliebigen Mischung aus beiden Kraftstoffen. Zentrales Element dafür ist ein Alkoholsensor, der die im Tank befindliche Kraftstoffzusammensetzung analysiert und die entsprechenden Kommandos an Zündung und Einspritzung gibt.

Zur Zeit wird das Multi-Fuel-Concept von Volkswagen bis Ende 1992 einer praxisorientierten Flottenerprobung in Kalifornien unterzogen. Mit insgesamt 300 Fahrzeugen soll die Alltagstauglichkeit des Konzepts bewiesen werden.