Ohne technische Überraschungen

Autor Rüdiger Etzold
Veröffentlichungsdatum 1980
Veröffentlicht in Süddeutsche Zeitung
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Premiere: Datsun Bluebird, eine viertürige Limousine für 13795 Mark

Die reichhaltige Serienausstattung und der günstige Preis sollen für hohe Verkaufszahlen sorgen

Für Nissan-Deutschland ist die Autowelt noch in Ordnung. 1979 konnte man sich in der Bundesrepublik Deutschland mit 31 979 importierten Automobilen an die Spitze der japanischen Anbieter heranarbeiten, und auch für die kommenden Jahre sieht der Executive Director, Harald Wulff, steigende Verkäufe. So will Nissan 1980 in Deutschland 38 000 Einheiten absetzen und hofft auch in den kommenden Jahren, diesen Trend weiter ausbauen zu können.

Damit die Prognosen eingehalten werden können, läßt man keine Marktnische ungenutzt. So hat man beispielsweise schon 1979 rund 1000 rechtsgelenkte Fahrzeuge an die britischen Streitkräfte in der Bundesrepublik verkauft. Dieses Geschäft soll auf die amerikanischen Streitkräfte ausgedehnt werden. Sie können dann von Nissan-Deutschland Fahrzeuge kaufen, die den amerikanischen Spezifikationen entsprechen und ohne Schwierigkeiten mit nach Übersee genommen werden können und dort zulassungsfähig sind. Zusätzliche Steigerungen im Verkauf erhofft sich Wulff mit dem jetzt vorgestellten Bluebird, einer Familien-Limousine, die in der Audi-80- Klasse angesiedelt ist.

DER DATSUN BLUEBIRD, hier die viertürige Limousine, bietet für 13 795 Mark 88 PS und erreicht eine Höchstgeschwindigkeit von 165 km/h. Photo: Datsun

DER DATSUN BLUEBIRD, hier die viertürige Limousine, bietet für 13 795 Mark 88 PS und erreicht eine Höchstgeschwindigkeit von 165 km/h. Photo: Datsun

Allerdings kann sie nicht mit der bei Audi vorhandenen Motorenvielfalt aufwarten. Dafür ist aber schon eine Coupé-Version im Angebot, die bei Audi erst Ende dieses Jahres zur Verfügung stehen wird. Der Bluebird ist eine gut verarbeitete Limousine von gefälligem Zuschnitt, die aber technisch keinerlei Leckerbissen aufzuweisen hat. Egal, ob es sich um den Motor, die Antriebsart oder den cW-Wert handelt, technische Innovationen wurden hier nicht durchgeführt. Der Vierzylinder Reihenmotor holt aus dem verhältnismäßig großen Hubraum von 1,8 Liter 88 PS (65 kW), die den 1095 Kilogramm schweren Bluebird 165 km/h schnell machen. Die Kraft vom Motor wird über eine Kardanwelle auf die Hinterräder verteilt.

Ein Eigengewicht von 1095 Kilogramm macht deutlich, daß das Konzept des Bluebird nicht den derzeit technischen Möglichkeiten entspricht. Denn wenn wir als Beispiel den Audi 80 heranziehen, der bei identischen Außenabmessungen als Viertürer nur 975 Kilogramm auf die Waage bringt, wird deutlich, daß sich am Japaner noch einiges abspecken läßt. Immerhin kosten nach einer allgemein gültigen Faustformel 100 Kilogramm Mehrgewicht einen Liter Sprit auf 100 Kilometer. 

Und schließlich ist der Luftwiderstandsbeiwert, der die Windschlüpfrigkeit der Karosserie widerspiegelt, mit 0,43 für ein jetzt vorgestelltes Fahrzeug einfach zu hoch. Was derzeit möglich ist, hat Daimler Benz mit der neuen S-Klasse (0,36) gezeigt, und auch Opel kann sich mit seinem neuen Kadett (0,39) sehen lassen. Gerade ein niedriger cW -Wert ist heutzutage besonders sinnvoll, da ohne zusätzlichen Energieaufwand und nur durch geschickte Formgebung Kraftstoff eingespart werden kann. Fahrzeuge mit Antrieb an der Hinterachse benötigen gegenüber einem Fronttriebler eine wesentlich aufwendigere Achskonstruktion. So sind denn auch die Hinterräder des Bluebird an Schräglenkern geführt, während die Vorderachse die allgemein übliche Federbeinkonstruktion aufweist.

Der Innenraum des Bluebird zeichnet sich durch eine freundliche Atmosphäre und gut geformte Sitze aus, Platz ist bei einem Radstand von 2,53 Metern für fünf Personen hinreichend vorhanden. Besonders familienfreundlich ist der Kofferraum ausgefallen, der mit einem Inhalt von 520 Litern kaum Wünsche offen läßt. Was weniger gefällt, ist das unharmonisch gestaltete Armaturenbrett. Zu viele Ecken und Kanten und über die Fläche verteilte Schalter lassen die ordnende Hand des Stilisten vermissen. Ein gut zur Hand liegender Mittelschalthebel erlaubt es, die Gänge mühelos einzulegen.

Vorhanden sind serienmäßig fünf Vorwärtsgänge, wobei der fünfte als Schongang ausgelegt wurde, so daß bei richtiger Schaltarbeit Kraftstoff eingespart werden kann. Bluebird, das ist ein Auto ohne technische Schmankerl, doch glauben die Japaner dieses Manko durch eine reichhaltige Serienausstattung und einen günstigen Verkaufspreis wettzumachen. Bei einem Einstandspreis von 13 795 Mark sind unter anderem serienmäßig: Vier Türen, eine heizbare Heckscheibe, getönte Scheiben, ein Fünfganggetriebe, Rückfahrscheinwerfer, Liegesitze, Scheinwerferwaschanlage, höhenverstellbares Lenkrad, höhenverstellbarer Sitz, Warnlampen für Batteriezustand, Scheibenwaschanlage, geöffnete Türen und, sehr sinnvoll, Schlußlicht- und Bremslichtfunktionen. Vor allem das serienmäßige Komplettangebot sorgt dafür, daß immer mehr Bundesrepublikaner japanische Automobile bevorzugen. Und man muß abwarten, ob der Kunde in Zukunft mehr Wert auf technische Spitzenleistungen legt oder biedere Technik mit Komplettangebot bevorzugt.

HANS-RÜDIGER ETZOLD