Platzkonzert

Autor Rüdiger Etzold
Veröffentlichungsdatum 1977
Veröffentlicht in Gute Fahrt
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Prognosen, die von verschiedenen Wirtschaftsinstituten veröffentlicht worden sind, signalisieren für die Zukunft einen neuen Trend im Automobilgeschäft: Zuwachsraten sind vor allem auf dem Nutzfahrzeugsektor zu erwarten. Das liegt zum einen an der Sättigung des Personenwagenmarktes und zum anderen an den Dienstleistungen, die einen immer größer werdenden Anteil in unserer Volkswirtschaft einnehmen und nach mehr Laderaumkapazität verlangen. VW, bislang vornehmlich mit dem Transporter im Nutzfahrzeuggeschäft vertreten. entwickelte für den neuen Trend zusätzlich die LT-Baureihe. die vor allem in den Abmessungen und der Ladekapazität um eine ganze Nummer größer als der bewährte VW Bus ist. Um auch im gesamten Nutzwagengeschäft mitmischen zu können, schloß VW darüber hinaus einen Kooperationsvertrag mit dem Last-kraftwagen-Hersteiler MAN. Beide Firmen wollen zusammen Fahrzeuge von über 6 Tonnen Gewicht entwik-keln und vertreiben. Damit hätte VW dann eine Palette von Nutzfahrzeugen anzu bieten, die Lasten von 1.0 bis 25 Tonnen tragen können.

Mit der LT-Baureihe rundete VW sein Nutzfahrzeugprogamm ab. Was bietet der neue, größere LT gegenüber dem bewährten VW Bus?

Mit der LT-Baureihe rundete VW sein Nutzfahrzeugprogamm ab.
Was bietet der neue, größere LT gegenüber dem bewährten VW Bus?

Motor vorn bringt Platzgewinn

ln allen äußeren und inneren Abmessungen ist der LT gegenüber dem Bus um einige Zentimeter erwachsener: doch liegt der entscheidende technische Unterschied in der Plazierung des Motors, der im LT sozusagen als dritter Beifahrer vorn zwischen den zwei Frontsitzen untergebracht ist, während beim Bus das Triebwerk im Heck seinen Platz hat. Beide Motoranordnungen haben ihre Vor-und Nachteile.

Von Vorteil ist es natürlich, daß beim LT jetzt hinten eine 1,44 Meter breite und 1.28 Meter hohe Tür möglich ist. die den Weg zu einem imposanten Stauraum freigibt. Denn selbst wenn im LT zwei Sitzbänke untergebracht sind, verbleibt für zusätzliches Gepäck ein Stauraum mit einer Breite von 1.50 Meter, einer Tiefe von 1.50 Meter und einer Höhe von 1,40 Meter (3,2 Kubikmeter). Mit diesem Raumangebot kann der Bus zwangsläufig nicht aufwarten, da er ohnehin 34 Zentimeter kürzer ist und im Heck auch noch den Motor sitzen hat. Deshalb bleibt für Gepäck, oberhalb des Motors, nur noch ein bescheidener Kubikmeter übrig. Dennoch hat der Motor im Heck auch sein Gutes. Wenn nämlich das Fahrzeug nicht ausgelastet ist, sorgt das Triebwerk für den richtigen Lastenausgleich und den nötigen Anpreßdruck der Antriebsräder. Nicht zuletzt war es das Heckmotorprinzip, das den „Bully“ in aller Welt so beliebt gemacht hat. Auch ohne Allradantrieb ist er nämlich ein außerordentlich gutes Geländeauto. Das wissen unter anderem auch die Alpenländler zu schätzen, die wegen der vielen verschneiten Wintertage vornehmlich den Bus als Transportmittel einsetzen. Und schließlich hat der Motor am anderen Ende auch noch eine weitere positive Eigenschaft. Je weiter man nämlich von einer Geräuschquelle entfernt sitzt, desto geringer ist die Lärmbelästigung, die erfreulicherweise ohnehin im VW Bus auf ein erträgliches Maß zurückgeschraubt werden konnte. Im LT wird dagegen, trotz Abschirmung, ein Pegel erreicht, der das Radio überflüssig erscheinen läßt. Verantwortlich für die stärkere Geräuschentwicklung im LT sind neben der Motoranordnung auch noch verschiedene andere Faktoren, da der LT von der Konstruktion her eher mit einem Lastkraftwagen als mit einem Personenwagen verwandt ist, wie dies beim Bus der Fall ist.

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Gegenüber dem bewährten VW Bus ist der neue VW Lasttransporter in den Außenabmessungen und der Ladekapazität bei fast identischen Motorstärken und Fahrleistungen um eine ganze Nummer größer.

 

Im Gegensatz zum VW Bus kann der VW LT, wegen des Frontmotors, hinter der Sitzbank mit einem wesentlich größeren Stauraum aufwarten.

Im Gegensatz zum VW Bus kann der VW LT, wegen des Frontmotors, hinter der Sitzbank mit einem wesentlich größeren Stauraum aufwarten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Beide VW-Lasttransporter zeichnen sich durch besonders leichte Handhabung und ein übersichtlich gestaltetes Armaturenbrett aus

Beide VW-Lasttransporter zeichnen sich durch besonders leichte Handhabung und ein übersichtlich gestaltetes Armaturenbrett aus

 

 

 

 

 

 

 

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Der VW Bus wird von einem luftgekühlten Heckmotor angetrieben, beim LT sitzt das wassergekühlte Triebwerk zwischen den Frontsitzen.

Der VW Bus wird von einem luftgekühlten Heckmotor angetrieben, beim LT sitzt das wassergekühlte Triebwerk zwischen den Frontsitzen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Schon das Fahrwerk macht es deutlich: Vorn einzeln aufgehängte Räder an kräftigen Doppelquerlenkern, hinten eine starre Achse, die mittels Blattfedern und Panhardstab geführt wird und in der Mitte das Ausgleichsgetriebe für den Antrieb der Hinterräder aufnimmt. Die derart robust ausgeführten Achskonstruk-tionen sind natürlich vornehmlich darauf ausgelegt, möglichst hohe Lasten aufzunehmen. So kann der stärkste LT eine Nutzlast von 1 3/4 Tonnen tragen, während man den Bus (verstärkte Ausführung) mit maximal 1,2 Tonnen belasten darf. Hohe Lasten und ein möglichst geringes Eigengewicht stellen jedoch den Konstrukteur zwangsläufig vor besonders knifflige Aufgaben, da bei Lastunterschieden bis zu zwei Tonnen gleicher Federungskomfort in allen Belastungszuständen kaum möglich ist. Zudem sind einfache Blattfedern ohnehin für eine Komortfederung weniger gut geeignet.

Der VW Bus hat dagegen ein Fahrwerk, wie es dem Käfer seit seiner Geburt eigen ist: Vorn Einzelradaufhängung an Kurbellängslenkern, hinten eine Pendelachse (VW 1200), die vor einigen Jahren von der technisch hervorragenden Schräglenker-Hinterachse abgelöst wurde. Abgefedert werden beim Bus beide Achsen mittels Torsionsstäben, die in jeder Belastungsphase einen harmonischen Federungskomfort bieten. Nicht zuletzt der Fahrwerks- und Federungsabstimmung ist es zu verdanken, daß die GUTE FAHRT des öftern den Bus als den „besten Volkswagen aller Zeiten“ gepriesen hat, zumal er Fahrbahnunebenheiten und selbst größere Bodenwellen vorzüglich ausgleicht. Im LT stellt sich dieser Pkw-Charakter nicht ein. Zwar kann man die Federung nicht als unkomfortabel bezeichnen; doch neigt dieses Fahrzeug vornehmlich auf schlechter Straße und in unbeladenem Zustand zu leicht nervösem Schwingungsverhalten.

Das kann auch der Fahrersitz nicht ausgleichen, dessen Velourstoff schon nach 13 000 Kilometer die ersten Falten warf. Äußerst angenehm ist der große Verstellbereich des Fahrersitzes wie auch der Sitzlehne, die sich stark nach hinten neigen läßt und eine entspannte Körperhaltung zuläßt. Das ist inzwischen übrigens auch im VW Bus möglich, seitdem man die Rückwand hinter dem Sitz abgeschnitten hat. Als Fahrer im LT oder Bus thront man gewissermaßen ein wenig über dem Verkehrsgeschehen und genießt es, dank der Frontlenkerbauweise, mit den Fahrzeugen hautnah parkieren und rangieren zu können. Die Sicht läßt in beiden Transportern nichts zu wünschen übrig; nur möchte man im LT einen größeren Innenrückspiegel haben, der einen üppigeren Rückblick verschafft.

Alle Bedienungshebel und Schalter liegen gut im Blickfeld und zur Hand, Lenkung und Bremse lassen sich spielend leicht bedienen, weil Unterdrück (im Bus nur für die Bremse) für die nötige Arbeitsentlastung sorgt. Gerade was Übersichtlichkeit und Handhabung angeht, gilt es ein Kompliment zu machen: Beide Fahrzeuge sind leicht zu handhaben und lassen sich wie Personenwagen dirigieren.

Auch im Interieur muß der VW Bus den Vergleich zum Personenwagen nicht scheuen. Ein geschmackvoller Kunststoffhimmel, freundliche Seitenverkleidungen und ein ansehnliches Armaturenbrett lassen nie das Gefühl aufkommen, daß man in einem Lastkraftwagen Platz genommen habe.

Im LT geht das alles ein wenig geschäftiger und trister zu. Zwar sind auch hier die großen Blechteile verkleidet; doch strahlt die glatte Pappe in der Großraumkabine nicht jene freundliche Atmosphäre wie im Bus aus. Und schließlich stehen die vom VW Bus übernommenen Sitzbänke in der großen LT-Kabine etwas verloren drin. Das ist aber mehr oder weniger von Wolfsburg so beabsichtigt, denn der geringen Bus-Stückzahlen wegen überläßt man den Sonderausbau Spezialfirmen, von denen es inzwischen 120 gibt, die den LT für ganz spezielle Anforderungen herrichten, wie zum Beispiel als Linienbus, der 20 Nahverkehrspersonen stehend und sitzend faßt.

Technische Daten und Meßwerte

VW BUS VW LT 28
Motor
Luftgekühlter Vierzylinder-Viertakt-Bo-xermotor im Wagenheck eingebaut. Hubraum 1970 cm3, Bohrung x Hub 94 x 71 mm, Verdichtung 7,3, Normalbenzin. Leistung 70 PS/51 kW bei 4200/min, max. Drehmoment 14,3 mkg 143 Nm bei 2800/min. Zwei Fallstromvergaser (34 PDSIT) mit Startautomatik. Tankinhalt ca. 56 Liter. Wassergekühlter Vierzylinder-Viertakt-Reihenmotor vorn im Fahrerraum zwischen Fahrer- und Beifahrersitz längs über der Vorderachse eingebaut. Hubraum 1984 cm3, Bohrung x Hub 86,5 x 84,4 mm, Verdichtung 8,2, Normalbenzin. Leistung 75 PS/55 kW bei 4300/min, max. Drehmoment 15,0 mkg/150 Nm bei 2400/min. Vergaser 35 PDSIT, Tank 70 I.
Fahrwerk
Radaufhängung und Radführung vorn durch Kurbellängslenker, hinten durch Schräglenker. Federung vorn und hinten durch Torsionsstäbe, kombiniert mit Teleskopstoßdämpfern. Zweikreisbremsanlage mit Scheibenbremsen vorn, Trommelbremsen hinten, Bremskraftregler und Bremskraftverstärker. Felge 5V2J—14, Reifen 185 R 14. Radführung vorn durch Doppelquerlenker, hinten durch Starrachse. Stabilisator an der Vorderachse, Panhardstab an der Hinterachse. Federung vorn durch Schraubenfedern, hinten durch Längsblattfedern, Scheibenbremsen vorn, Trommelbremsen hinten. Bremskraftregler und Bremskraftverstärker. Felge 6 J x 14, Reifen 185 R-14 C 8 PR.
Kraftübertragung
Einscheiben-Trockenkupplung, vollsynchronisiertes Vierganggetriebe. Ausgleichgetriebe und Doppelgelenkwellen auf die Hinterachse. Einscheiben-Trockenkupplung, vollsynchronisiertes Vierganggetriebe. Kardanwelle und Ausgleichgetriebe auf die Hinterachse.
Maße und Gewichte
Radstand 2400 mm, Spur v/h 1400/1460 mm, Länge 4510 mm, Breite 1720 mm, Höhe 1960 mm, Wendekreis 12,5 m, Leergewicht 1320 kg, Nutzlast 980 kg, zul. Gesamtgewicht 2300 kg, Dachlast 100 kg, zul. Anhängelast gebremst 1200 kg. Ladevolumen 5 m3. Radstand 2500 mm. Spur v/h 1750/1720 mm, Länge 4840 mm, Breite 2020 mm, Höhe 2150 mm, Wendekreis 11,9 m, Leergewicht 1250 kg, Nutzlast 1550 kg, zul. Gesamtgewicht 2800 kg. Dachlast 100 kg, Anhängelast gebremst 1400 kg, Ladevolumen 7,85 m3.
Beschleunigung
0 bis 60 km/h 7,4 s 0 bis 60 km/h 9,2 s
Obis 80km/h 13,1s Obis 80km/h 15,8s !
Obis 100 km/h 21,4 s Obis 100 km/h 28,6s
Beschleunigung im 4. Gang
40 bis 60 km/h 7,8 s 40 bis 60 km/h 10,2 s
40 bis 80 km/h 16,2 s 40 bis 80 km/h 20,6 s
40 bis 100 km/h 25,5 s 40 bis 100 km/h 35,2 s
Höchstgeschwindigkeit 130 km/h Höchstgeschwindigkeit 122 km/h
Verbrauch
bei 60 km/h 7,7 I bei 60 km/h 9,5 I
bei 80 km/h 9,3 I bei 80 km/h 10,8 I
bei 100 km/h 11,31 bei 100 km/h 13,6 I
Testverbrauch 13 1/100 km Testverbrauch 15 1/100 km
Innengeräusch
bei 60 km/h 72,5 dB (A) bei 60 km/h 74,5 dB (A)
bei 80 km/h 76,0 dB (A) bei 80 km/h 78,5 dB (A)
bei 100 km/h 80,5 dB (A) bei 100 km/h 83,5 dB (A)
Inspektion/Wartung
lnspektion alle 5 000 km Inspektion alle 7 500 km
Wartung alle 10 000 km Wartung alle 15 000 km
BichtpreiseVW Bus mit 8 Sitzplätzen 16 096 DM VW LT 28 mit 8 Sitzplätzen 18 943 DM

 

Fahren im Pkw-Stil

Wahlweise wird der Bus mit 1.6    Liter und 50 PS oder 2,0 Liter und 70 PS angeboten, während der LT eine 2,0 Liter-Maschine mit 75 PS oder einen Dieselmotor mit 2.7    Liter und 65 PS vorzuweisen hat.

Zum Vergleich wählten wir die annähernd gleichstarken benzingetriebenen Versionen mit 70 (Luftkühlung) und 75 PS (Wasserkühlung) aus. Bei dem luftgekühlten Boxermotor handelt es sich um eine Weiterentwicklung des 412-Aggregates; der wassergekühlte Reihenmotor ist vom Stamme des Audi 100. Und obwohl beide Triebwerke von recht unterschiedlicher Konzeption und Konstruktion sind, unterscheiden sich die Leistungsdaten nur unwesentlich. Der eine erreicht seine 70 PS bei 4 200/min, der andere seine 75 PS bei 4300/min. Das Drehmoment fällt beim Luftgekühlten mit 14,3 mkg kaum geringer als beim Wassergekühlten (15,0 mkg) aus, wobei es hier allerdings schon einige hundert Motorumdrehungen früher anfällt. Dafür ist das Lebendgewicht des LT um 400 Kilogramm größer.

In der Praxis zeigt sich, daß die Entfaltung der Vergaser-Triebwerke vornehmlich von der kurzen Gesamtübersetzung geprägt wird, die zur Beförderung von hohen Lasten unumgänglich ist. Und da der Bus geringere Außenabmessungen hat und einige Zentner leichter ist, kann er trotz der etwas schwächeren Motorleistung mit den besseren Fahrieistungen aufwarten. Er marschiert stolze 130 km/h, braucht 13,1 Sekunden auf 80 km/h und kann auch in der Elastizitätsprüfung bessere Ergebnisse aufweisen. Der LT ist im ganzen träger. Bis auf Tempo 80 vergehen 15,8 Sekunden, und das Höchsttempo ist bei 122 km/h erreicht.

Entscheidender jedoch als diese Meßergebnisse ist das Fahrgefühl. Den Bus fährt man forsch und flott und wickelt ihn behend um die Ecke; den LT steuert man dagegen mit der Gemütlichkeit einer flotten Dampfwalze, weshalb man sich ernsthaft überlegen sollte, ob man nicht gleich zum Diesel greift, der ja auch im Programm ist.

Geprägt wird der Kraftstoffverbrauch bei diesen Großraumfahrzeugen natürlich außerordentlich stark vom angeschlagenen Tempo und der Zuladung. Im Mittel muß man beim Bus mit 13 Liter auf 100 Kilometer rechnen, der LT konsumiert im Schnitt 2 Liter mehr auf 100 Kilometer.

Damit wird deutlich, daß der LT nicht nur in der Anschaffung teurer ist, sondern auch im Unterhalt höhere Kosten verursacht. Beim Service dürfte sich dieser Trend jedoch nicht fortsetzen, da im LT der Motor griffgünstig zur Hand liegt und man schnell und unproblematisch an Vergaser, Zündung und Zylinderkopf herankommt. Im Bus ist die ganze Motor-Technik dagegen etwas tiefer vergraben und nur durch eine kleine, schmale Klappe im Heck zugänglich.

Ob LT oder Bus, die Entscheidung ist in diesem Fall nicht schwer zu fällen. Von der Konstruktion her ist der Bus ein Großraum-Pkw, dessen Raumangebot in den überwiegenden Fällen völlig ausreicht. Der LT bietet vor allem dann Vorteile, wenn hohe Lasten transportiert werden müssen und die lange, ebene Ladefläche gefragt ist.

Hans-Rüdiger Etzold