Preiswerte Reparaturen sind kaum möglich

Autor Rüdiger Etzold
Veröffentlichungsdatum 1981
Veröffentlicht in Süddeutsche Zeitung
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Hat die Industrie nur an einem niedrigen Herstellungspreis ein Interesse?

Die Werkstätten haben es verpaßt, jenen zu helfen, die ihr Fahrzeug billig repariert haben wollen

Wann immer es in der Öffentlichkeit eine Möglichkeit gibt, die sinkende Werkstattmoral der Autofahrer aufzuzeigen, wird von den Vertretern des Zentralverbandes des Kraftfahrzeuggewerbes (ZDK) Gebrauch davon gemacht. Erst jüngst wies anläßlich der in München stattgefundenen Handwerksmesse der Präsident des ZDK, Fritz Haberl, darauf hin, daß trotz eines Bestandzuwachses von 816 000 Kraftfahrzeugen und einem Werkstattumsatz in 1980 von 16,3 Milliarden Mark ein Umsatzrückgang von real 8,7 Prozent erfolgte. Sorge, so Fritz Haberl, bereite die zunehmende Selbst- und Bekanntenhilfe beziehungsweise Schwarzarbeit nicht nur dem Kfz-Gewerbe, denn unter solchen Arbeiten würde auch die Verkehrssicherheit leiden, zumal die Mängelstatistik der Technischen Überwachungsvereine gerade bei älteren Fahrzeugen einen unvertretbar hohen Anteil verkehrsunsicherer Autos aufzeige.

Hier wird pauschaliert behauptet, daß jene Fahrzeuge, die wegen technischer Mängel beim Uberwachungsverein auffallen, automatisch aus dem Reservoir der Selbstreparateure stammen. Hinter dieser Aussage steckt aber noch ein änderet Hintergrund, denn die Werkstätten und der TÜV wollen, daß ältere Fahrzeuge jährlich einer TÜV-Untersuchung unterzogen werden. Man will sozusagen den staatlich sanktionierten Zugriff in die Geldtasche des Autofahrers und verbrämt die Geldschneiderei mit dem Hinweis auf die Verkehrssicherheit.

Keine Chancen für Sparwillige

Wenn den Werkstätten die Kunden davonlaufen, dann sollten sie sie nicht durch staatliche Eingriffe wieder in die Hallen zwingen. Viel wichtiger erscheint es, daß die Werkstätten einmal verstärkt darüber nachdenken, warum ihnen die Kunden den Rücken kehren. Und da lassen sich viele Gründe anführen, die das Gewerbe selbst verschuldet hat. Gewiefte Autofahrer haben längst erkannt, daß beispielsweise bei der Inspektion und Wartung handwerklich einfache Arbeiten zu teurem Preis verkauft werden. Fazit: Der Autofahrer besorgt sich aus dem Kaufhaus billiges öl und preiswertes Zubehör und führt die Arbeiten selber aus.

Und wer ein älteres Auto fährt, das vielleicht einen Zeitwert von 2500 Mark präsentiert, wird sich genau überlegen, ob er sich den Kotflügel für 500 Mark in der Werkstatt anbringen läßt, oder ob er zur Selbsthilfe greift. In der Regel gibt es für die meisten Autofahrer in solcher Situation gar nichts zu überlegen, denn vielfach hat er nicht das Geld zur Verfügung, um in sein betagtes Auto für einfache Blechreparaturen nochmal 20 Prozent des Verkaufs wertes zu investieren. Zudem sieht der Kunde auch nicht ein, daß er seinem alten Vehikel einen teuren, neuen Kotflügel spendet. Er wird sich also einen gebrauchten kaufen und ihn selbst montieren, und das ist vom wirtschaftlichen Standpunkt auch richtig.

Die Werkstätten haben es einfach verschlafen, auch jenen Autofahrern kostengünstig zu helfen, die in ihr Fahrzeug nicht mehr allzuviel investieren wollen. Wo ist denn die Werkstatt, die aufbereitete Altteile anbietet? Es gibt sie kaum. Dann muß sich aber der Präsident des ZDK nicht wundern, wenn in den Werkstätten die Kunden, älterer Fahrzeuge ausbleiben. Was wir in verstärktem Maße benötigen, ist die zeitwertgerechte Reparatur von Motor, Fahrwerk und Karosserie. Es ist doch einfach wirtschaftlich unsinnig, einem alten Motor noch eine neue Lichtmaschine oder einen neuen Vergaser anzubauen. Genau das ist aber die Praxis in der Werkstatt, anstatt Unfallwracks zu zerlegen und dem Kunden mit attraktiven Preisen zu helfen.

Für die Montage einfacher Bauteile verlangen die Werkstätten heutzutage Spitzenlöhne und sind dann verwundert, wenn der Kunde nach preiswerteren Möglichkeiten Ausschau hält. Warum stellen sie nicht an Sonnabenden die Werkstatt den Heimwerkern zur Verfügung. Das wäre auch der’richtige Weg, um das Ersatzteil-und Zubehörgeschäft wieder in den Griff zu bekommen, das in zunehmendem Maße an der eigenen Kasse vorbeiläuft. Und auch in diesem Fall müssen die Werkstattbesitzer die Fehler bei der eigenen Organisation suchen. Wie sieht es denn heute in der Werkstatt in der Regel aus, wenn der Kunde ein Ersatzteil kaufen will? Die Ware ist meistens hinter Mauern versteckt, aus der Luke schaut ein Verwalter, dessen beliebtester Spruch folgendermaßen lautet: „Haben wir nicht, müssen wir bestellen.“ Um 12 Uhr mittags geht die Klappe zu, und ab 17 Uhr ist auch kein Teil mehr zu bekommen.

In den Zeiten also, in denen der Arbeitnehmer die Möglichkeit zum Einkauf hat, findet in der Werkstatt kein Verkauf statt. Davon profitieren die Auto-Zubehörgeschäfte und auch die Kaufhäuser, die ihre entsprechenden Abteilungen ständig vergrößern. Hier kann der Kunde auch die Ware vor dem Kauf anfassen und sich in Ruhe beraten lassen. Es muß doch den Werkstätten seltsam Vorkommen, daß die Auto-Zubehörgeschäfte ständig expandieren, während das Geschäft in den Werkstätten rückläufig ist. Wenn auch in den letzten Jahren aufgrund verlängerter Wartungsintervalle der Autofahrer insgesamt weniger Geld für die Inspektionen seines Fahrzeugs ausgeben muß, So zeigt sich in der Reparaturfreundlichkeit immer noch keine durchschlagende Wende. Im Gegenteil, unsere Fahrzeuge werden immer aufwendiger und komplizierter. Die Elektronik, die in zunehmendem Maße in unsere Fahrzeuge installiert wird, ist vom Monteur nicht mehr erfaßbar und wird auf dem Reparatursektor zu zusätzlichen Aufwendungen führen. Schon heute werden mitunter gesunde Teile ausgewechselt, weil der Monteur die Funktion nicht mehr versteht.

Die Werkstätten, die am intensivsten mit der Technik des Fahrzeugs konfrontiert werden, haben es versäumt, das einfach und preiswert zu reparierende Auto durchzusetzen. So kommt es dann vor, daß zum Wechseln der Zündkerzen der Motor abgesenkt werden muß (Porsche) oder zum Erneuern der Glühlampe der Scheinwerfer zu demontieren ist (Mercedes). Noch immer wird das Auto wie vor 20 Jahren zusammengefügt, da die Autofabrikanten in erster Linie an einem möglichst niedrigen Herstellungspreis interessiert sind. Was fehlt, sind einfach zu lösende Schnellverbindungen und der unkomplizierte Austausch ganzer Baukomponenten. Es wird zwar jährlich ein „Auto der Vernunft“ gekürt, ob es preiswert zu reparieren geht, wird dabei kaum gewertet. Wie wäre es denn, wenn das Kraftfahrzeuggewerbe jährlich Preise verteilen würde für reparaturfreundliche Konstruktionen, um so auch schon den Neuwagenkäufer für dieses Thema zu sensibilisieren.

Bevor der Präsident des ZDK, Fritz Haberl, immer wieder das Ausbleiben der Kunden beklagt, sollte er lieber gegenüber der Autoindustrie für das preiswert zu reparierende Auto kämpfen. Schließlich muß heute ein Arbeiter mindestens sechs Stunden arbeiten, um eine Auto-Reparaturstunde in der Werkstatt zahlen zu können. Bei einem Stunden-Verrechnungssatz von über 60 Mark reicht es eben nicht aus, dem Kunden nach erfolgter Reparatur eine Serviette ins Auto zu legen, mit der er das Lenkrad reinigen kann. Da muß man sich schon etwas mehr einfallen lassen. Sonst wird man schon bald in den Werkstätten Champignons züchten können.

HANS-RÜDIGER ETZOLD