Spaß auf zwei Rädern

Autor Rüdiger Etzold
Veröffentlichungsdatum 1978
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Enduros: Für Seitensprünge im Gelände gebaut

Immer mehr Motorradfahrer steigen um auf eine Motorradversion, die ihren Namen aus dem Spanischen bekam und ihre größte Verbreitung bislang in, Amerika fand: Die Enduro. Enduro, das ist eine Kreuzung von Straßen-, Trial-und Geländesportmaschine, wobei der Charakter dieses Mischlings von der Straßenmaschine bestimmt wird.

Daß Enduros bislang vornehmlich in Amerika so viele Anhänger gefunden haben, liegt an den dort vorhandenen dünn besiedelten und von der Zivilisation noch nicht urbanisierten Landstrichen. Dort darf und kann man noch ungestraft den vorgeschriebenen Weg verlassen und querfeldein sein Glück versuchen. Hierzulande ist es zweifellos schwierig, ein entsprechendes Enduro-Gelände aufzutun, denn es gibt kaum einen Baum oder einen Strauch, hinter dem nicht ein Förster oder ein Umweltschützer lauert und nach dem Büttel ruft. Und dennoch, es mehren sich die Gemeinden, mitunter sind es auch Firmen, die den Enduro-Fahrern ein Stückchen Land zur freien Entfaltung zur Verfügung stellen.

Natürlich kann das einen echten Enduro-Fan auf die Dauer nicht befriedigen, und deshalb weicht er aus in Länder, deren Straßen noch nicht unseren Zivilisationsgrad erreicht haben, wie zum Beispiel die unwegsamen Wege Anatoliens oder die malerischen Straßen Griechenlands. Ganz Verwegene zog es schon allein mit ihrer Enduro durch die Sahara. (Aber auch in Österreich, im gebirgigen Süden Frankreichs, in Skandinavien und in den schottischen Highlands finden sich Weg und Steg, die Enduro-Spaß möglich machen. Die Red.) Es sind also vornehmlich Individualisten, die eine Enduro fahren. Menschen, die mit ihrem fahrbaren Untersatz nicht rasen, sondern wandern — ihre Umwelt im wahrsten Sinne des Wortes er-fahren wollen.

Enduro-Bestseller: Yamaha XT 500-Einzylinder

Enduro-Bestseller: Yamaha XT 500-Einzylinder

Die Enduro, das muß der Käufer bedenken, ist ein Kompromiß, der eingegangen werden mußte, um die Maschine für die Straße wie auch für das Gelände tauglich zu machen. Deutlich wird dies unter anderem am Auspuff, der wegen der erforderlichen Bodenfreiheit meistens eine Etage höher als üblich angesiedelt ist und sich deshalb im Bereich der Beine nach hinten schlängelt. Speziell auf den härteren Einsatz von Geländefahrten sind Dämpfer und Federn abgestimmt, die neben einer strammeren Charakteristik auch größere Wege aufweisen. Dies gilt auch für den vorderen Kotflügel, der vielfach vom vorderen Rad weit absteht und aus Gewichtseinsparungsgründen in der Regel aus Kunststoff gefertigt ist. Ohnehin hat man bei der Enduro alles eingespart, was gewichtsmäßig belastet und nicht unbedingt zum Bedienen des Bikes notwendig ist; denn je leichter das Motorrad ausfällt, desto einfacher ist es im Gelände zu dirigieren. Und damit die Arbeit leicht von der Hand geht, ist der Lenker entsprechend ausgeformt.

Um im Gelände die dort erforderliche langsamere Gangart anschlagen zu können, ist das Getriebe gegenüber einer Straßenmaschine «geringfügig anders abgestuft. In der Regel hat man allerdings nur die ersten drei Gänge kürzer gewählt, damit die Enduro bei Vollgas — im langen fünften Gang— mit den Straßenmaschinen mithalten kann.

Den größten und schmerzhaftesten Kompromiß bei der konstruktiven Aufbereitung zu einer Enduro mußten die Techniker bei der Wahl der Reifen eingehen, zumal es keine Pndus gibt, die auf der Straße wie im Gelände gleichermaßen gute Eigenschaften aufweisen. Um überhaupt abseits der Straße die Kraft auf den Boden bringen zu können, werden nämlich grob-stollige Sohlen benötigt, die auf trockenem Asphalt nicht jene Haftung bieten, wie sie feinprofilierten Pneus eigen sind. Enduro-Fahrer wissen das und wählen entsprechend ihrem ganz privaten Motorradeinsatz die ihnen genehme Bereifung aus. Auf dem deutschen Markt findet der Enduro-Liebhaber rund .20 recht unterschiedliche Bikes im Angebot, die alle aus Importen stammen, da weder Zündapp noch Maico oder gar BMW entsprechendes Gerät zum Verkauf feilhält. Führend, wie im ganzen Motorradgeschäft, sind auch hier die vier Japaner: Honda, Kawasaki, Suzuki, Yamaha.

Kawasaki KL 250 — neue Erscheinung im Kreise der Enduros

Kawasaki KL 250 — neue Erscheinung im Kreise der Enduros

Der Spaß, mit einer Enduro zu vagabundieren, beginnt bei rund 2500 Mark, die Grenze liegt derzeit bei etwa 5000 Mark für die 500er XT Yamaha, die in der Bundesrepublik in der Enduro^Liste Rang 1 hält. Mit 27 PS (20 kW) und einer Höchstgeschwindigkeit von 125 km/h bietet der Viertaktmotor ausreichend Kraft, auch längere Distanzen angenehm zu bewältigen.

Von den leistungsschwächeren Maschinen hat sich vor allem die Honda XL 125 durchgesetzt, deren kleiner Motor (123 ccm) als Viertakter ausgelegt ist. Mit 12 PS (9,6 kW) erreicht das Maschinchen satte 100 km /h und liegt bei einem Einstandsbetrag von 2735 Mark an der unteren Preisgrenze des Enduro-Spaßes. Suzuki bietet derzeit drei in der Leistung recht unterschiedliche Enduros an. Die TS 125 mit 9,5 PS (6,9 kW) zum Preis von 3115 Mark und die TS 250 mit 17 PS (12,5 kW) zum Einstandspreis von 4149 Mark. Völlig neu ist die mit Einzylinderviertaktmotor versehene SP 370, deren 368 ccm-Motor 27 PS (20 kW) leistet und damit in den Markt der schweren Enduros einbricht, der bislang vornehmlich von Yamaha beschickt wurde. Kawasaki ist noch neu im Enduro-Geschäft, hat aber auch schon zwei Off-Road-Motorräder im Angebot, und zwar die mit durchzugskräftigem Motor und geländetauglichem Fahrwerk versehene Zweitakter KE 125 mit 10 PS (8,0 kW) und einer Spitzengeschwindigkeit von 109 km/ h (2900 Mark), und die neue KL 250, deren Viertakter 17 PS (12,5 kW) liefert und das Motorrad 120 km/h schnell macht. Mit 3900 Mark liegt die Kawasaki KL 250 im Preis-Mittelfeld jener Enduros, die mit einem 250-ccm-Motor ausgestattet sind, zwischen 16 und 20 PS bieten und 3600 bis 4400 Mark kosten. Insgesamt fahren rund 30 000 Enduros auf bundesdeutschen Straßen. Diese Zahl wird sich noch kräftig erhöhen, da immer mehr Motorradfahrer erkennen, daß der Reiz nicht im Schnellfahren, sondern abseits der Straße liegt. Hans-Rüdiger Etzold