Teures Öl für Hochleistungsmotoren?

Autor Rüdiger Etzold
Veröffentlichungsdatum 1981
Veröffentlicht in Süddeutsche Zeitung
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Noch nicht einmal der Begriff „Leichtlauföl“ ist bis heute genormt

Wievier Kraftstoff mit einem Leichtlauföl gespart werden kann, ist selbst in der Industrie noch umstritten

Die Mineralölindustrie propagiert in zunehmendem Maß sogenannte Leichtlauföle, die auf Grund ihrer Zusammensetzung Kraftstoff einsparen sollen. Die öle sind meist synthetischer Herkunft oder, wie von Shell, nach einem besonderen Verfahren (Hydrocracking) hergestellt.

Um Kraftstoff über das Motoröl einzusparen, gibt es hauptsächlich zwei Möglichkeiten: Durch Absenken der Viskosität (an Stelle eines Öls der SAE-Spezifikation 20 wird ein 10er Grundöl verwendet) oder durch reibungsmindernde Zusätze (Friction Modifier). In unseren Breiten und bei den hohen Anforderungen, die hier an ein öl gestellt werden, ist ein Absenken der Viskosität unter SAE 10 nicht sinnvoll. Es gab zwar mal ein synthetisches Öl mit der Spezifikation SAE 5 W 20 auf unserem Markt, doch hat der Hersteller es inzwischen in 10 W 30 umgeändert. Das Öl der ersten Generation ließ nämlich mitunter den Ölfilm reißen. Auch traten verstärkt bei einigen Motoren im Bereich der Ventile Krebsgeschwüre in Form von Ablagerungen auf, die zu ernsten Motorschäden führten. Im übrigen tritt dieses Problem vereinzelt immer noch auf, nur weiß man noch nicht, ob es am Öl, am Kraftstoff oder an der Motorkonstruktion liegt.

Wieviel Kraftstoff mit einem Leichtlauföl gespart werden kann, ist selbst innerhalb der Mineralölindustrie umstritten. Etwas zu rosig scheint die Werbeaussage von Veedol zu sein, die in großformatigen Anzeigen eine Senkung der Kraftstoffkosten von bis zu 10,3 Prozent verspricht. Mit fünf deutschen Personenwagen erzielte man, so Veedol, „bei Kaltstart und Stadtfahrten eine Kraftstoffersparnis von durchschnittlich fünf Prozent. Der VW Golf Diesel schnitt mit 10,3 Prozent am besten ab. Damit wäre jede zehnte Tankfüllung gratis.“ Schon rein aus statistischen Gründen ist diese Aussage mit Vorsicht zu genießen, da die Fahrzeugflotte zu klein war. Und auch die Auswahl der Testfahrzeuge kann nicht kritiklos hingenommen werden, da sich beim Golf Diesel auf Grund der hohen Ladedrücke die dünnen Leichtlauföle besonders günstig auswirken.

Auch Shell propagiert die Möglichkeit der Kraftstoffeinsparung mittels Leichtlauföle, doch ist die Aussage nicht so euphorisch abgefaßt: „Drei Prozent Kraftstoff können im praktischen Fährbetrieb eingespart werden.“ Dieser Wert ergibt sich aus einer Untersuchung, bei der 200 bis 400 Fahrzeuge während sechs Monaten beobachtet wurden. Den verhältnismäßig hohen Aufwand hat Shell unternommen, da die derzeitigen Meßverfahren noch sehr ungenau sind und der Minderverbrauch im Rahmen der Meßungenauigkeit liegt. Daß nicht mehr als drei Prozent an Verbrauchsminderung drin sind, wird auch von der Automobilindustrie unterstrichen, die selbst Tests durchgeführt hat.

Gespart wird natürlich vor allem bei Kaltstarts und während der Warmlaufphase. Hier haben Leichtlauföle eindeutige Vorteile, da sie in diesen Phasen stark reibungsmindernd wirken. Da es bislang noch keine einheitliche Meßmethode über den Minderverbrauch bei Leichtlaufölen gibt, ist es an der Zeit, daß sich die Industrie entsprechende Prüfbedingungen ausarbeitet. Denn nur dann lassen sich auch die mitunter recht unterschiedlichen Aussagen über die Verbrauchsreduzierung überprüfen. Auch der Begriff „Leichtlauföl“ ist noch nicht genormt, und so kann eigentlich jede Mineralölfirma mit dem verkaufsfördernden Schlagwort agieren.

Allerdings hat zumindest einmal VW definiert, welche Eigenschaften Leichtlauföl aufweisen sollte. Steht auf dem Gebinde „entsprechend VW Norm 5000“, darf man als Verbraucher sicher sein, daß es sich um ein echtes Leichtlauföl handelt. Leichtlauföle werden von fast allen großen Mineralölfirmen angeboten, wobei die Öle von BP (Strato), Mobil (Nr. 1), Shell (TMO) und Veedol (Synthron) den von VW beziehungsweise Daimler-Benz auf gestellten Anforderungen an ein Leichtlauföl entsprechen. Leichtlauföle zählen zu den Spitzenprodukten der Mineralölindustrie und werden deshalb auch zu Spitzenpreisen gehandelt. BP und Shell nehmen beispielsweise knapp 13 Mark für den Liter. Mobil und Veedol rund 16 Mark. Da fragt sich natürlich der Autofahrer, ob es wirtschaftlich ist, wenn er sein preiswertes Einbereichsöl (Literpreis ab 3 Mark) gegen das edlere Produkt auswechselt, zumal im Schnitt nur drei Prozent Kraftstoffersparnis gegeben sind.

Allerdings bieten diese öle nicht nur den Vorteil der Kraftstoffersparnis. Denn wer einen Hochleistungsmotor auf der Autobahn ständig voll ausfährt, so daß hohe Temperaturen im Ölsumpf gegeben sind, ist mit diesen teuren Schmiermitteln in jedem Fall im größeren Sicherheitsbereich. Zudem kommt noch ein ganz anderer Vorteil hinzu, den die Ölkocher aber nur hinter vorgehaltener Hand preisgeben: Die Öle altern nämlich auch unter hoher Beanspruchung nicht so schnell, man kann den Ölwechsel bis hinauf auf 30 000 Kilometer ausdehnen. Das aber hören die Automobilhersteller gar nicht gern, denn sie befürchten, daß dann die Fahrzeuge nur noch alle zwei Jahre in die Werkstatt kommen. Wenn man bedenkt, daß VW/Audi beispielsweise noch alle 7500 Kilometer zum Ölwechsel bittet, wird leicht deutlich, welcher Sprengsatz hinter dieser Aussage steckt.

Fazit: Wer ein neueres, edles Auto besitzt, es gern sportlich bewegt und die Ölwechselintervalle hinausschieben möchte, sollte den Mehrpreis für das teurere Leichtlauföl nicht scheuen. Ansonsten reicht auch ein preiswertes Ein- oder Mehrbereichsöl.

HANS-RÜDIGER ETZOLD