Um den Diesel herrscht große Verwirrung

Autor Rüdiger Etzold
Veröffentlichungsdatum 1988
Veröffentlicht in Süddeutsche Zeitung
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Steuerbefreiung ist in die Kritik geraten – Neue Rußfilter sind erst in der Erprobung

Bei den Anhängern des Dieselmotors herrscht Verwirrung. Bisher galt der Selbstzünder nicht nur als ein besonders sparsames Triebwerk, sondern auch als schadstoffarm. Deshalb auch wurde er von der Kfz-Steuer befreit. Das soll nun nur noch bis zum 30. September 1988 gelten, wenn es nach Umweltminister Töpfer geht. Festzuhalten bleibt: Wer bis zum 30. September 1988 ein Dieselfahrzeug kauft, bekommt auch noch die befristete Steuerbefreiung. Wer als Dieselbesitzer diese schon hat, behält sie auch. Außerdem: Auch wer einen Diesel nach dem 1. Oktober 1988 kauft, zahlt nur den verringerten Steuersatz in Höhe von 13,20 Mark (sonst 21,60 DM) pro 100 ccm Hubraum. Noch sind das allerdings Gedankenspiele des Umweltministers, die erst noch vom Gesetzgeber abgesegnet werden müssen.

Der Dieselmotor, beliebt beim Autokäufer wegen seines geringen Kraftstoffverbrauchs und bekrittelt wegen seiner Ruß-und Geruchsfahne, ist ins Schußfeld der Kritik geraten. Das Problem des Dieselmotors liegt in seinem Verbrauchsvorteil. Dadurch, daß beim Diesel in die hochverdichtete Luft Kraftstoff eingespritzt wird, kann er äußerst sparsam betrieben werden. Durch die Art der Einspritzung gibt es allerdings keine so innige Verbindung zwischen Kraftstoff und Luft wie beim Benziner. Der Dieselkraftstoff verbrennt als kleines Tröpfchen. Und dadurch entsteht Ruß, der als blaue Fahne vor allem bei schlecht eingestellten und alten Dieselmotoren sichtbar wird.

Die Lüftungsschlitze verratens: Der neue Mercedes-Benz 300 D Turbo hat den Sechszylinder-Dreiliter-Turbodieselmotor mit 143 PS unter der Haube.

Die Lüftungsschlitze verratens: Der neue Mercedes-Benz 300 D Turbo hat den Sechszylinder-Dreiliter-Turbodieselmotor mit 143 PS unter der Haube.

Da der Dieselmotor weniger Schadstoffe als ein Benziner ausstößt, wurde er als schadstoffarm eingestuft. Weil er jedoch nicht ganz die Werte des Katalysator-Benziners erreicht und zudem auch noch rußt, sollen ihm jetzt die steuerlichen Vorteile aberkannt werden. Erst jüngst hieß es deshalb vom Sachverständigenrat für Umweltfragen: „Steuervergünstigungen für Diesel-Pkw sind fragwürdig, vor allem unter dem Gesichtspunkt der Partikel-Emission, da diese Partikel Träger von organischen Stoffen sind, deren krebsaus-lösende Wirkung aufgrund ihrer Kanzero-genität in Tierversuchen zu vermuten ist.“ Das sind nur Vermutungen, die bisher nicht bestätigt werden konnten, wie auch das Umweltbundesamt in einer Pressemitteilung erklärt: „Befunde über eine tatsächliche Gesundheitsgefährdung des Menschen liegen nicht vor. Insbesondere liegen keine wissenschaftlichen Erkenntnisse über die Wirkung der im Straßenverkehr üblichen, wesentlich geringeren Partikelkonzentration vor.“

Damit jedoch die Rußpartikel begrenzt werden, wird es ab 1. Oktober 1989 einen Typgrenzwert von 1,1 g/Test und einen Seriengrenzwert von 1,4 g/Test geben. Moderne, kleine Dieselmotoren erreichen die Grenzwerte mühelos, bei größeren gibt es Probleme. Die Rußentwicklung ist unter anderem abhängig von der Gestaltung der Verbrennung der Brennkammer und dem Kraftstoff. In diesen Bereichen kann der Techniker marginale Verbesserungen erzielen. Um den Dieselmotor vollständig zu entrußen, ist nach heutigem Wissensstand ein Rußfilter erforderlich. Der Filter sammelt den Ruß und brennt ihn in bestimmten Intervallen ab. Es entsteht Kohlendioxid, ein Gas, welches jeder Mensch ausatmet. In Kalifornien darf der Partikelausstoß nur 0,8 Gramm pro Meile betragen. Ein Wert, den größere Dieselfahrzeuge nur mit einem Rußfilter erreichen können.

Diesen Filter hat Daimler-Benz seinen Turbodieseln für Kalifornien eingepflanzt und ist jetzt nicht nur um eine Erfahrung reicher, sondern auch um einige Millionen ärmer. Der Rußfilter hat im rauhen Auto-Alltag nicht das gehalten, was man sich von einem Mercedes verspricht: hohe Lebensdauer. Die Rußfilter zerbröselten wie Kekse, so daß Daimler-Benz bis jetzt 8000 Stück kostenlos auswechseln mußte und keine Turbo-Diesel mehr in die USA liefert. Natürlich hat man aufgrund der Amerika-Erkenntnisse die Rußfilter weiterentwickelt, so daß inzwischen eine neue Generation zur Verfügung steht. Ob diese neuen Filter jedoch die von den amerikanischen Behörden geforderten zehn Jahre durchhalten, „wissen wir erst im Jahr 1997“, so ein Daimler-Benz-Techniker.

Hans-Rüdiger Etzold