Umweltschutz mit Minimal-Lösung

Autor Rüdiger Etzold
Veröffentlichungsdatum 1989
Veröffentlicht in Rhein-Main-Presse
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Blase im Tank gegen Benzindämpfe / Übereilter Ministerentscheid

300 Millionen Liter Benzin werden jährlich ungenutzt in die Atmosphäre abgegeben und belasten die Umwelt. Die Benzindämpfe entstehen während der Fahrt, weil sich über dem Kraftstoff Benzinschwaden bilden, die aus dem Tanksystem entweichen und sie entstehen natürlich auch während des Tankens, weil der einfließende Kraftstoff die Benzinschwaden aus dem Tank verdrängt.

Seit zwei Jahren wird im Auftrag des Bundesumweltamtes geforscht, wie diese Umweltbelastung reduziert werden könnte.Im Gespräch sind Betankungspistolen, wie sie teilweise schon in den USA eingesetzt sind, die gleichzeitig die entstehenden Benzindämpfe wegsaugen. Die Kosten für die Umstellung der bundesdeutschen Tankstellen auf die neuen Pistolen beziffert die Mineralölindustrie mit 2 Milliarden Mark. Außerdem rechnet man mit jährlichen Kosten von rund 100 Millionen Mark für die Wartung der Pistolen. Ein Nachteil dieser vom Bundesumweltamt favorisierten Maßnahme ist die Uneffizienz. Denn von den rund 42 Millionen Liter Benzin, die beim Betanken verdrängt werden, lassen sich über die Säugrüssel nur rund 23 Millionen Liter wieder auffangen. Das sind umgerechnet auf die Gesamtmenge der entstehenden Benzindämpfe nur 7,7 Prozent. Denn die entstehenden Benzinschwaden, die während der Fahrt anfallen, lassen sich mit dem Säugrüssel ja nicht eliminieren.

Umweltschutz mit Minimallösung1Hinzu kommt, daß die Tankrüssel störanfällig und schwer zu bedienen sind. Auch können viele alte Fahrzeugtypen mit den unhandlichen Pistolen überhaupt nicht betankt werden. Deshalb tritt die Mineralölindustrie für eine andere Lösung ein, und zwar den „großen Kohlekasten“. Dabei handelt es sich um einen 7 bis 10 Liter großen Aktivkohlebehälter, der die Benzindämpfe beim Betanken und während der Fahrt aufnimmt. Da er sich selbst regeneriert, die Dämpfe werden nämlich, über ein entsprechendes Ventil gesteuert, wieder der Motorverbrennung zugeführt, ist der Kohlekasten nicht nur das effektivere, sondern auch das elegantere System. Das sieht die Automobilindustrie aus verschiedenen Gründen natürlich wieder völlig anders.

Während nämlich bei der Tankstellenlösung die Kosten bei der Mineralölindustrie liegen, muß der Kohlekasten von der Automobilindustrie vorfinanziert werden. Außerdem beansprucht er Nutzraum, der vor allem in der kleinen Kompaktwagenklasse besser für die Insassen und deren Gepäck genutzt werden könnte. Und schließlich: Der Kohlekasten läßt sich nicht nachrüsten. Die schon auf dem Markt befindlichen rund 25 Millionen Benzinfahrzeuge würden also bis an ihr Lebensende die Benzinschwaden an die Umgebung abgeben. Bei der Tankstellenlösung würden sie jedoch sofort mitentsorgt.

Um die Benzinemissionen sinnvoll zu entsorgen, gibt es, neben Säugrüssel und Kohlekasten, von Dr. Holzer — einem Erfinder — eine völlig neue Lösung. Er will in jeden Kraftstoffbehälter einen Kunststoffbeutel einlegen, der sich, je nach dem Füllungsgrad des Tanks, mit Luft aufbläht und dadurch sicherstellt, daß sich über dem Benzin keine Schwaden bilden können.

Da beim Betanken durch das sprudelnde Benzin zusätzliche Benzindämpfe freigesetzt werden, sollen diese durch eine Saugpumpe in einen kleinen Aktivkohlebehälter abgesaugt werden. Die Vorteile des Holzer-Systems liegen in dem nur kleinen Aktivkohlebehälter, den viele Export-Fahrzeuge heute ohnehin schon serienmäßig haben und daß die Benzinschwaden im Motor mitverbrannt werden. Bislang gibt es allerdings erst einen Versuchswagen mit dem Blasentank. Und die deutsche Autoindustrie — mit Ausnahme von Volkswagen — steht der Luftblase eher abgeneigt gegenüber.

Jahrzehntelang haben sich alle Bundesregierungen nicht darum gekümmert, wie man die von den Fahrzeugen her stammenden Benzinschwaden einfangen könnte, obwohl allgemein bekannt war, daß es sich um eine vermeidbare Umweltbelastung handelt. Nun soll im Schnellverfahren eine Entscheidung gefällt werden, die wahrscheinlich keinen zufriedenstellt und das eigentliche Problem nur unbefriedigend löst.

Am 11. 11. 1989 will Bundesumweltminister Töpfer entscheiden, wie in Zukunft die rund 300 Millionen Liter Benzin daran gehindert werden können, in die Atmosphäre zu entweichen. Da das Entsorgungssystem von Holzer noch nicht hinreichend erprobt wurde und der große Kohlekasten nur bei Neufahrzeugen möglich ist, wird Professor Töpfer wohl dem Säugrüssel an der Tankstelle den Vorzug geben. Das ist für die Umwelt mal wieder die schlechteste Lösung.

Die in der Bundesrepublik zugelassenen Personenwagen verursachen jährlich Benzindämpfe in einem Umfang von 305.000 t. Um dies wirksam zu bekämpfen und die Umwelt nachhaltig zu entlasten, werden zur Zeit vier grundsätzliche technische Möglichkeiten diskutiert. Die Mobil Oil AG hat eine Übersicht möglicher Problemlösungen veröffentlicht und dabei den Nutzen und die jeweils entstehenden Kosten gegenübergestellt. Dabei zeigt sich, daß der sog. „kleine Kohlekanister“ für vergleichsweise wenig Geld große Wirkung zeigt, weil er die Benzindämpfe bei Stillstand und Betrieb des Fahrzeugs (85%) zum großen Teil vermeidet. Will man die Benzindämpfe beim Betanken (15%) fassen, stellt die Gasrückführung in der Zapfpistole die denkbar schlechteste Lösung dar. Der „große Kohlekanister“ oder ein flexibler Luftsack im Tank sind zur Reduzierung der Dämpfe beim Tanken weit wirkungsvoller und billiger.

 

Von unserem Mitarbeiter HANS-RÜDIGER ETZOLD