Und läuft und läuft…

Autor Rüdiger Etzold
Veröffentlichungsdatum 1992
Veröffentlicht in Süddeutsche Zeitung
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Heute wird in Mexiko der 21 millionste Käfer gefertigt

Schon 1935 waren die ersten drei Prototypen des VW fertig

Nachdem der Käfer mehr als 20 Jahre produziert worden war, mehrten sich Mitte der sechziger Jahre in der Öffentlichkeit die Stimmen, den Käfer nun endlich durch ein neues Modell abzulösen. Der damalige VW-Chef Heinrich Nordhoff, der den Käfer zum Verkaufsschlager gemacht hatte, ließ sich nicht beirren und tat genau das Gegenteil: Er kaufte 1964 Daimler-Benz die Auto Union ab und ließ auch in Ingolstadt Käfer fertigen.

Der weltweite Käfer-Erfolg schien ihm recht zu geben: 1965 wurden in einem Jahr erstmals mehr als eine Million Käfer produziert. In den darauffolgenden Jahren konnte, mit Ausnahme von 1967, die Käfer-Produktion stetig gesteigert werden, so daß in der Zeit von 1968 bis 1973 im Schnitt pro Jahr 1,2 Millionen Käfer gefertigt wurden.

Doch der großartige Produktionsrekord hatte für Volkwagen auch seine Schattenseiten: Durch die Käfer-Monokultur wan-derten kreative Techniker aus Wolfsburg ab oder konnten erst gar nicht für einen Arbeitsplatz in der Käfer-Stadt gewonnen werden. Zudem war die Käfer-Konstruktion zu aufwendig und warf nicht mehr die Gewinne ab, die der Volkswagen-Konzern dringend benötigte. Einen Einbruch bei der Käfer-Produktion gab es jedoch erst 1974, als Volkswagen in der Käfer-Klasse mit dem moderner konzipierten Golf antrat.

Klassiker: Der VW Käfer wird immer noch gebaut - heute läuft das 21millionste Exemplar vom Band (Photo: Werksbild)

Klassiker: Der VW Käfer wird immer noch gebaut – heute läuft das 21millionste Exemplar vom Band (Photo: Werksbild)

Dennoch hielt man den Käfer im Programm, zumal die Wolfsburger Führungsriege sich nicht sicher war, ob der mit Frontantrieb und wassergekühltem Motor ausgestattete Golf, der intern auch als Schuhkarton bezeichnet wurde, dem Käfer überhaupt gefährlich werden konnte. Er konnte: 1978 lief in Emden der letzte in Deutschland gefertigte Käfer vom Band. 

Hauptstützen der Käfer-Produktion, die 1981 auf weniger als 160 000 Stück gefallen war, waren hinfort die Länder Brasilien und Mexiko sowie Peru und Nigeria, wo der Käfer aus angelieferten Teilen zusammengeschraubt wurde. Trotz der rapide gefallenen Produktionszahlen konnte 1981, 36 Jahre nach dem Anlauf der zivilen Käfer-Produktion, der 20millionste Käfer gefeiert werden.

Nachdem 1986 die Käfer-Produktion in Brasilien eingestellt worden war und die Fertigung in Mexiko von der Regierung nur noch per Dekret erlaubt war, schien die Käfer-Zeit sich endgültig dem Ende zuzuneigen.

Erst durch den Niedergang der mexikanischen Wirtschaft und einer Inflationsrate von 20 bis 30 Prozent gelang dem Käfer ein völlig unerwartetes Comeback. Zur Stabilisierung der Wirtschaft erließ die mexikanische Regierung 1989 ein neues Dekret: Neufahrzeuge, die unter 13,8 Millionen Peso (etwa 5500 Dollar) kosteten, wurden von der Kfz-Steuer befreit.

Die Produktion steigt

Mexiko-Jahresproduktion, die 1988 nur noch bei 19 000 Stück lag, schnellte 1991 auf nahezu 90 000 Stück hoch, so daß der Oldie am 24. Juni dieses Jahres zum derzeitigen Preis von knapp 12 000 Mark zwei neue Bestmarken für sich verbuchen kann: Mit 21 Millionen Stück ist er dann weltweit nicht nur das meistgebaute Auto, sondern auch das Fahrzeug mit der längsten Produktionszeit. 1935 waren die ersten drei Prototypen fertig, 1936/37 wurden die ersten 30 Vorserienfahrzeuge erprobt, und im März 1946 verließ in Wolfsburg – noch unter britischer Leitung – der 1000. Käfer die wieder auf gebauten Montagebänder. 

NOCH OHNE HECKFENSTER: Ein Prototyp des VW Käfer, den Ferdinand Porsche entwickelt hatte.    Photo:    Archiv    Etzold

NOCH OHNE HECKFENSTER: Ein Prototyp des VW Käfer, den Ferdinand Porsche entwickelt hatte. Photo: Archiv Etzold

Der Käfer war Deutschlands bester Diplomat. Er wurde in 172 Länder exportiert und in 20 Ländern produziert. Um in technisch auf der Höhe zu halten, wurden im Lauf der Jahre mehr als 80 000 Detailverbesserungen durchgeführt: Nur am Grundprinzip mit Heckantrieb und luftgekühltem Boxermotor hat man in all den Produktionsjahren nicht gerüttelt. In Mexiko läuft der Käfer derzeit mit ungeregeltem Katalysator, doch soll er im nächsten Jahr mit Benzin-Einspritzanlage und geregeltem Katalysator ausgestattet werden. Dann könnte man den Käfer sogar hierzulande wieder zulassen. Großer Beliebtheit erfreut sich der Käfer heute vor allem bei Jugendlichen, die nicht in der Hoch-Zeit des Käfers aufgewachsen sind. Für sie steht der Käfer höher im Kurs als beispielsweise ein VW Polo. Inzwischen gibt es auch eine Zeitung, die sich ausschließlich mit dem Käfer beschäftigt und fast jede Woche findet in irgendeiner Stadt der Republik ein Käfer-Treffen statt.

In vierzig Jahren wurden in Deutschland fast sechs Millionen Käfer neu zugelassen. Heute laufen davon auf unseren Straßen nur noch rund 250 000. Wer noch einen Typ 1 besitzt, wie der Käfer viele Jahre offiziell nur genannt werden durfte, pflegt und hegt ihn. Denn im Gegensatz zum offiziellen Wolfsburger Börsenpapier steigt der Wert des Oldies kontinuierlich.

HANS-RÜDIGER ETZOLD