Unsinn aus dem Verkehrsministerium

Autor Rüdiger Etzold
Veröffentlichungsdatum 1985
Veröffentlicht in Süddeutsche Zeitung
Original ansehen

Der TÜV wird bei der Abgas-Sonderuntersuchung kräftig kassieren, obwohl er dort nichts zu suchen hat

Nach der Meisterleistung von Bundesinnenminister Zimmermann, eine gesunde Autoindustrie nahezu in die Agonie zu stürzen und dabei eine total verunsicherte Katalysator-Käuferschaft zu hinterlassen, hat sich nun Verkehrsminister Dollinger daran gemacht, mit seinem Partei-Kollegen gleichzuziehen: Zu diesem Zweck hat sich sein Haus die Abgas-Sonderuntersuchung – kurz ASU genannt – einfallen lasen, die man in der gekürzten Form auch schlicht als Arbeitsbeschaffungsprogramm für die Werkstätten und als anständiges Zubrot für den TÜV bezeichnen kann.

Es soll hier nicht bestritten werden, daß es unter den Autofahrern Abgas-Sünder gibt, deren Kontrolle unserer Umwelt nur nützen kann. Die Mehrzahl aller Autofahrer läßt jedoch ihren Wagen regelmäßig warten – und hier ist die Abgas-Kontrolle Pflichtteil jeder Untersuchung, der zusätzliche Weg zum TÜV also nur ein Zeit beanspruchender und Kosten verursachender Umweg.

Was soll denn nun bei der ASU geprüft werden:

□ Der CO-Ausstoß im Leerlauf

□ Die Leerlaufdrehzahl

□ Der Schließwinkel der kontaktgesteuerten Zündanlagen

□ Der Zündzeitpunkt

Und dabei müssen die Werte eingehalten werden, die der Auto-Hersteller angibt – und die für die älteren Modelle auch nicht bereitstehen.

Nun müßte es auch dem Verkehrsministerium bekannt sein (oder nicht? Siehe „Ich delegiere nur“), daß sich bei herkömmlichen Zündanlagen mit Unterbrecherkontakt mit zunehmender Abnutzung der Zündzeitpunkt in Richtung „spät“ verstellt. Für die optimale Leistungsausbeute regeln die Autohersteller den Zündzeitpunkt jedoch in Richtung „früh“ ein – damit ist die Verbrennung heißer, und die Stickoxide steigen an. Diese Motoren regeln sich also im Laufe ihres Daseins von selbst in Richtung auf weniger Stickoxid-Produktion.

Das ist die erste Ungereimtheit dieser neuen Verordnung, die dem Autofahrer jährliche Kosten in Höhe von rund 500 Millionen Mark aufbürdet.

Zweitens hat der Verkehrsminister noch im vergangenen Jahr behauptet, für den Autofahrer würden keine zusätzlichen Kosten entstehen. Und auch in den von Dollinger herausgegebenen „Verkehrs-Nachrichten“ wird weiterhin behauptet: „Das Kraftfahrzeughandwerk hat angeboten, die Untersuchungen kostenlos durchzuführen und nur die Einstellarbeiten zu berechnen.“ Der Sprecher des Zentralverbandes des Kraftfahrzeughandwerks sieht das anders, Schmidt van Zanten: „Dem ist nicht so. Denn schließlich ist das ja ein Aufwand von einer guten halben Stunde und mehr – und der muß natürlich bezahlt werden“ Also wurde hier eine kostenintensive Verordnung unter falschen Voraussetzungen durchgepaukt.

Eine weitere Ungereimtheit: Die Überprüfung der ASU kann sowohl in der Werkstatt, wie auch vom TÜV oder von sonstigen anerkannten Sachverständigen durchgeführt werden. Beim TÜV soll die reine Untersuchung etwa 23,50 Mark kosten, in den Werkstätten liegen die Preise für die Untersuchung und die Einstellung zwischen 40 und 80 Mark.

Bei der normalen Insepktion sind die aufgeführten Prüfpunkte allerdings ohnehin enthalten – hier wäre die Prüfung für den Autofahrer also kostenlos, zumal die Werkstätten ja auch berechtigt sind, die Prüfplakette an die Windschutzscheibe zu kleben. Das Bundesverkehrsministerium hingegen: „Die ASU ist jedes Jahr vorzunehmen und wird weitgehend mit der Hauptuntersuchung §29 (TÜV-Prüfung) zusammenfallen.“ Warum das so sein soll, ist allerdings unerfindlich, ärgerlich und kostentreibend.

Wer allerdings seine Inspektion bis zu drei Monate vor der TÜV-Prüfung ausführen läßt, dessen Plakette wird wiederum anerkannt. Wer also im Jahr so wenig Kilometer fährt daß eine Inspektion nicht so oft anfällt darf von nun an dafür zuerst zum TÜV (oder seiner Werkstatt) für die Abgasuntersuchung – und darf dann später (bei der eigentlichen Inspektion) für dieselbe Untersuchung nochmals zahlen.

Doch nicht genug der Ungereimtheiten: Nach einer Untersuchung des Umweltbundesamtes -so der Verkehrsminister – stimmen bei der Mehrzahl der Kraftfahrzeuge das Zündsystem und/ oder die Gemischaufbereitungsanlage nicht optimal nach den vom Hersteller vorgegebenen Sollwerten. Eigentlich müßten nun die Werkstätten aufschreien, schließlich wird die Mehrzahl aller Fahrzeuge regelmäßig in diesen Hallen gewartet und bei den Kunden dafür ordentlich kassiert. Wahrscheinlicher ist hingegen, daß das Umweltbundesamt die Messungen so durchführt wie der TÜV – nämlich falsch.

Die Fachzeitschrift „auto, motor und sport“ (Heft 18/84) ist mit zwei identischen Fahrzeugen bei verschiedenen TÜV-Stationen gewesen und hat dort den CO-Wert messen lassen – das Ergebnis: Meßwerte zwischen 0,8 und 4,5 Volumenprozent CO im Abgas. Dieses völlig unzufrieden stellende Ergebnis liegt aber nicht nur an den unzureichenden Meßgeräten, sondern auch an der fachkundigen Handhabung derselben: Denn um einen reproduzierbaren Wert zu erhalten, muß bei vielen Fahrzeugmodellen der Schlauch für die Kurbelgehäuse-Belüftung abgeklemmt werden – sonst werden aufgrund der Ölverdünnung falsche Werte angezeigt Diese in jeder Werkstatt geübte Praxis ist bis zum TÜV allerdings bislang noch nicht vorgedrungen.

Außerdem ist es seltsam, daß der TÜV für die reine CO-Prüfung nur 3,14 Mark kassieren darf, während er für die ASU-Prüfung 23,50 Mark verlangt – da das Abgreifen von Zündzeitpunkt und Leerlaufdrehzahl keinen größeren Aufwand als die CO-Prüfung erfordert scheint der verlangte Betrag deutlich zu hoch.

Und last not least: Rund 20 Prozent aller Fahrzeuge werden mit elektronischer Zündung und oder Einspritzanlagen verkauft. Jeder Werkstattmeister weiß, daß sich bei diesen Modellen weder der Zündzeitpunkt noch der CO-Wert im Abgas verstellt. Ford geht beispielsweise soweit daß man bei den Motoren mit kontaktloser Zündung die Zündzeitpunkteinstellung versiegelt, damit sie in den Werkstätten nicht mehr verstellt werden kann.

Bei diesen Fahrzeugen, die unveränderbar optimal eingestellt sind, soll nun plötzlich – nach Aussage des Bundesverkehrsministeriums – die Zündkerze der Schwachpunkt sein. Und deshalb müssen sie auch zur ASU. Gerade bei einer kontaktlosen Zündung ist jedoch die „Durchschlagskraft“ eines Zündfunkens so groß, daß die Kerze schon bis zum Stumpf abgebrannt sein muß, bevor sich der CO-Wert durch Zündaussetzer ändert. Und auch dann würde eine CO-Prüfung für 3,14 Mark genügen. Die sachliche Begründung für diesen technischen Unsinn liefert Hilfsreferent Stamm aus dem Verkehrsministerium: „Gleiches Recht für alle.“

Wer so argumentiert, zwingt natürlich auch die Fahrzeuge in die Werkstatt, die mit dem Katalysator und mit aufwendigen elektronischen Einspritzanlagen ausgestattet sind – nur weiß man beim TÜV bis heute nicht, wie man diese Fahrzeuge prüfen soll. Mißt man vor dem Katalysator, ist mehr CO denn je im Abgas – mißt man am Ende des Schalldämpfers, zeigt das CO-Meßgerät natürlich nichts an. Und eine wirksame Meßmethode ist mit der relativ schlichten Ausstattung des TÜV nicht machbar – also muß es wieder teurere Meßgeräte geben, und damit auch steigende TÜV-Gebühren.

Die ASU ist ein weiterer Beweis dafür, daß es Ministerien immer wieder gelingt, aus einem schlichten Gedanken (jeder Wagen wird bei seiner jährlichen Inspektion untersucht und bekommt nach der Feineinstellung eine Plakette -dem Besitzer entstehen keine zusätzlichen Kosten) eine kosten- und zeitaufwendige Aktion werden zu lassen. Die Lobby des TÜV muß gut sein – wo bleibt der ADAC mit seinen 7 Millionen Mitgliedern?

HANS-RÜDIGER ETZOLD