Variationen über das Thema Golf

Autor Rüdiger Etzold
Veröffentlichungsdatum 1979
Veröffentlicht in Zeitungsartikel
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Die Wolfsburger Erfolgsfamilie wächst ununterbrochen

Fünf verschiedene Modelle gibt es bereits — VW sucht weiter nach Marktlücken.

Viele Fahrzeugmodelle mit geringem Käuferpotential hätten nie die Chance, von den Automobilfirmen auf den Markt gebracht zu werden, wenn man sie nicht kostengünstig herstellen könnte. Ein eindrucksvolles Beispiel, wie sich aus einem Fahrzeugmodell mehrere Variationen ableiten lassen, zeigt der VW Golf. Rund 150 bis 200 Millionen Mark kostet es heute, ein Auto konstruktiv zu Papier zu bringen. Dann hat man aber erst einen Papiertiger. Für Prototypen, Werkzeuge und Transferstraßen sind weitere 200 bis 800 Millionen erforderlich.Die Höhe dieser Aufwendungen hängen von der
Größe der Serien-Stückzahlen ab. Trotz dieses hohen Aufwands sind die Summen mitunter in den Sand gesetzt. So weiß man, daß für den VW-Mittelmotorwagen EA 266, den Porsche für VW konstruierte, 450 Millionen ausgegeben waren, als der damalige VW-Chef Leiding das Projekt stoppen und die ersten Prototypen von Porsche-Panzern zermalmen ließ.

EXISTIERENDE GOLF-VARIATIONEN: Das neueste Mitglied der Golf-Familie ist ' der Jetta (links oben), daneben das erste Bild des in Amerika gebauten Pick up. Seit dem Frühjahr ist das Cabrio auf dem Markt (unten links), während der Elektro-Golf (unten rechts) ein Prototyp ist, dessen Serienproduktion nicht geplant ist.

EXISTIERENDE GOLF-VARIATIONEN: Das neueste Mitglied der Golf-Familie ist der Jetta (links oben), daneben das erste Bild des in Amerika gebauten Pick up. Seit dem Frühjahr ist das Cabrio auf dem Markt (unten links), während der Elektro-Golf (unten rechts) ein Prototyp ist, dessen Serienproduktion nicht geplant ist.

Ein Auto, bei dem praktisch jede Schraube neu konstruiert wird, benötigt, selbst wenn es nur wie der Porsche 928 in geringen Stückzahlen vom Band läuft (täglich 2,7 Stück) mindestens einen Kapitalbedarf von 350 Millionen Mark. Verständlich, daß viele Modelle nie das Laufen lernen würden, gäbe es nicht einen Stammvater, der es erlaubt, die Investitionen in Grenzen zu halten. Obwohl zum Beispiel der VW Scirocco vor dem Golf auf den Markt kam, hätte er allein wohl kaum das Licht der Straßen erblickt, denn die komplette Technik konnte kostengünstig vom Viersitzer übernommen werden. Nur das Oberkleid des Scirocco ist neu. Und weil es nur für wenige maßgeschneidert ist, verhält sich der Preis des Scirocco zu dem des Golf wie ein Modellkleid zur Konfektion. Immerhin kostet der billigste Scirocco  gegenüber dem Stammvater rund 3000 Mark mehr. Noch tiefer müssen jene in die Tasche greifen, die den Golf ohne festes Dach lieben. Auch diese Modellvariante‘ wäre ohne den Stammvater nicht denkbar. Rund 130 Kilo an zusätzlichen Blechteilen mit Faltdach sind beim Cabrio erforderlich, damit sich die offene Karosserie nicht zu arg verwindet. Dieser Mehraufwand und die kleine Serie (80 Stück pro Tag) verlangen beinah schon  Liebhaberpreise (ab 17 235 Mark) für ein Fahrzeug, das zu 90 Prozent aus Serienteilen besteht. Wesentlich höhere Stückzahlen erhofft man sich vom Jetta, dessen Vaterschaft der Golf nicht leugnen kann. Vorn ist alles vom Stammvater, ab Mitte Karosserie hat sich das schräge Golfheck in eine konventionelle Limousine mit Stufenheck verwandelt. Diese Umwandlung bietet einen familiengerechten Kofferraum und spricht vor allem auch jene Käufer an, für die ein Auto formal erst dann akzeptabel wird, wenn es im konventionellen Look daherkommt.

Eine weitere Variante des Golf ist schon fertig, wird jedoch vorläufig für den deutschen Markt weder produziert noch importiert. Es handelt sich um einen Golf Pick up, der im neuen amerikanischen VW-Werk in Westmoreland vom Stapel läuft. Bei dieser Golf-Variante ist zwar das Dach zum Teil erhalten geblieben, dafür wurde jedoch der Großteil des Passagierraums zur Ladepritsche. Der konstruktive Aufwand war nicht besonders groß, man mußte nur etliche zusätzliche Bleche verschweißen, damit die offene Pritsche genügend Steifigkeit bekam.

MÖGLICHE GOLF-VARIATIONEN: Der Targa mit Überrollbügel und herausnehmbarem Dach — Der Pick up mit Schlafkoje für den Urlaub zu zweit und der Off-Road Golf für die Fahrten im Gelände.

MÖGLICHE GOLF-VARIATIONEN: Der Targa mit Überrollbügel und herausnehmbarem Dach — Der Pick up mit Schlafkoje für den Urlaub zu zweit und der Off-Road Golf für die Fahrten im Gelände.

Mit diesem Modell wird und muß das Golf-Variationsprogramm allerdings noch nicht beendet sein. Denkbar ist zum Beispiel auch noch ein Golf-Targa mit großer Glaskuppel, festem Überrollbügel und herausnehmbarem Dach. Als echter Zweisitzer mit großem Kofferraum würde er ganz ohne Zweifel bei jugendlichen Autofahrern für Furore sorgen, die gern ein Auto außerhalb der Väter-Norm fahren. Wer träumt schon nicht von einem Morgan oder einem Porsche. Bei diesen handgearbeiteten Autos laufen aber einfach die Preise davon. Und deshalb sollte sich VW mal einen Ruck geben und etwas  preiswertes, Schickes für die Jugend zu realistischem Preis auf die Beine stellen.

Dazu gehört auch ein Golf Off-Road. Natürlich ist die Möglichkeit, abseits der Straße zu fahren, in Deutschland kaum gegeben. Doch gibt es noch ausreichend Länder, wo anatolische Trampelpfade nicht zur Seltenheit gehören. Schließlich kann man den in Westmoreland hergestellten Pick Up mittels aufsetzbarem Dach auch noch zu einer kleinen, kompakten Schlafkoje umwandeln. Genau das, was Globetrotter suchen. Die meisten von ihnen sind ohnehin in südlichen Gefilden unterwegs und benötigen nur ein Dach über dem Kopf. Momentan ist damit allerdings nicht zu rechnen, denn die VW-Marketing-Manager glauben, daß ein Pick up hierzulande nicht gefragt ist und im Preis zu hoch liegt. Noch aber ist nicht aller Golf-Abend, und es sieht so aus, als bekäme der Stammvater noch weitere Söhne mit individueller Prägung. HANS-RÜDIGER ETZOLD