Verletzungen deutlich geringer

Autor Rüdiger Etzold
Veröffentlichungsdatum 1991
Veröffentlicht in Zeitungsartikel
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Airbag wesentlicher Sicherheitsfaktor / Porsche setzt jetzt Signale

Die amerikanischen Autofahrer sind unbelehrbar. Obwohl hinlänglich bewiesen ist, daß der Sicherheitsgurt Leben retten und Unfallfolgen mildem kann, legen sie ihn kaum an. Trotz Vorschrift und Strafandrohung nutzen gerade 37 Prozent der Autofahrer den Gurt. Da der Mensch allenfalls bis zu einer Aufprallgeschwindigkeit von 15 km/h in der Lage ist, sich abzustützen, fliegen im Falle eines Unfalls die meisten amerikanischen Autofahrer ungeschützt gegen die Armaturentafel oder das Lenkrad.

Um die Gurtmuffel dennoch zu schützen, hat der amerikanische Gesetzgeber ein passives Sicherheitssystem vorgeschrieben, und zwar seit 1989 für den Fahrer und ab 1992 auch für den Beifahrer. Unabhängig also davon, ob der Insasse es will oder nicht, muß ein Sicherheitssystem für den Rück-Halt der vorderen Insassen sorgen. Den Technikern sind bislang für diese Aufgabe nur zwei Systeme eingefallen. Der Airbag und der Schrägschultergurt, wie er von VW entwickelt wurde. Dieser Gurt ist mit der Tür verankert, so daß er beim Ein- und Aussteigen nicht extra angelegt werden muß.

Porsche ist der erste Automobilhersteller, der nun in Deutschland serienmäßig in allen Modellen den Airbag für Fahrer und Beifahrer anbietet. Andere Hersteller werden folgen, denn der Airbag bietet in der Tat eine Fülle von Vorteilen, um im Falle eines Crashs mit geringeren Verletzungen davonzukommen.

Es gibt leider keine praktikable Skala, die eindeutig aussagt, bei welcher Aufprallgeschwindigkeit mit und ohne Airbag welche Verletzungsschwere eintritt, denn die Parameter (Alter und Kondition des Insassen, Fahrzeugaufprall usw.) sind so unterschiedlich, daß es nur eine allgemein gültige Aussage geben kann: Bei einem Frontalaufprall verringert sich mit Airbag die Verletzungsschwere um eine Stufe. Also: Ein normalerweise mittelschwer Verletzter muß dank Airbag nur mit leichten Verletzungen rechnen. Vorausgesetzt: Er schnallt sich an. Denn darüber sind sich alle Sicherheitsexperten einig: Nur wenn der Insasse im Sitz fixiert ist, kann der Airbag seine volle Schutzwirkung ausüben.

Von 18 000 mit Airbag in die USA ausgelieferten Porsches sind insgesamt 80 Unfälle registriert worden, in denen sich der Airbag im Bruchteil einer Sekunde aufblies: Fazit: Alle Insassen überlebten, selbst bei schweren Frontalkollisionen. Die Technik des Airbagsystems ist in den letzten Jahren verfeinert worden. Bei einem heftigen Aufprall (15 km/h genügen) zünden innerhalb von zehn Millisekunden die Gasgeneratoren. Durch die Verbrennung von Treibstoff (keine Explosion) entsteht Gas, welches innerhalb von rund 30 Millisekunden den Luftsack füllt. Schon nach einem Augenaufschlag entweicht das sich abkühlende Gas, wobei die Aufprallenergie der Insassen absorbiert wird.

Ein Prozent aller Unfälle erfolgen bei einer Geschwindigkeit von 150 km/h und mehr. Bei Unfällen in diesem Geschwindigkeitsbereich sind kaum andere Fahrzeuge beteiligt. Mithin sind die Unfälle auf zu hohes Tempo und eine Überschätzung des eigenen Fahr-Könnens zurückzuführen. 75 Prozent aller Unfälle passieren bis zu einer Aufprallgeschwindigkeit von 15 km/h. Dennoch sollte man das geringe Tempo nicht unterschätzen. Denn die Kräfte, die dann auf den Körper wirken, kann dieser selbst nicht abfangen.

Im Schnitt lassen sich die Automobilhersteller den Airbag noch mit rund 2500 Mark honorieren. Die hohen Kosten liegen an den extrem aufwendigen Sicherheitsanforderungen und den noch sehr geringen Einbauraten. Das wird sich durch den verstärkten US-Einsatz ändern und auch durch eine andere Einstellung der Autofahrer.. Denn wenn es um die eigene Sicherheit geht, sind sie bereit, etwas mehr auszugeben.

Hans-Rüdiger Etzold