Was taugt der Volksairbag

Autor Rüdiger Etzold
Veröffentlichungsdatum 1992
Veröffentlicht in Rhein-Main-Presse
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An den Füllungsgrößen scheiden sich die Geister/ Sinnvoll nur mit Gurt

H.R.E. — Kaum bietet Volkswagen zu einem sensationell niedrigen Preis den Airbag an, da wird schon darüber gestritten, ob das Volks-Luftpolster von Volkswagen die vorderen Insassen auch hinreichend schützen kann.

Wer sich und seinen Beifahrer zusätzlich gegen die Unbilden eines Autoaufpralls schützen will, muß — bislang — tief in die Tasche greifen: Zwei Airbags kosten bei Mercedes Benz beispielsweise 3420 Mark und bei Audi im V8 4 634 Mark. Volkswagen bietet dagegen jetzt zwei Airbags im neuen Vento für 1200 Mark an.

Unterschiede gibt es indes nicht nur im Preis, sondern auch in Größe und Technik. Der Volksairbag aus Wolfsburg ist für den Fahrer nur etwa halb so groß wie der Prallsack von Mercedes. Deshalb gibt es von Volkswagen bei der Benutzung des Mini-Airbags auch eine ganz klare Aussage: Richtig wirksam ist er nur in Verbindung mit dem Sicherheitsgurt. Das ist sogar zwingend erforderlich, denn bei Volkswagen wird der Airbag erst oberhalb einer Aufprallgeschwindigkeit von 35 km/h gezündet.

Die Airbags anderer Automobilhersteller füllen sich dagegen schon bei einer Aufprallgeschwindigkeit von 15 km/h. Nach Meinung von Volkswagen ist die frühe Zündung nicht erforderlich, denn „aus der Unfallforschung hat sich ergeben, daß die Luftsäcke ab einer Aufprallgeschwindigkeit von 35 km/h aufgeblasen werden müssen. Darüber hinaus kann der Dreipunkt-Sicherheitsgurt allein den Kopfaufprall auf das Lenkrad nicht mehr sicher verhindern.“

Doch selbst wenn der Gurt umgelegt wurde, so die Meinung von Mercedes, besteht die Gefahr, daß der kleine Prallsack den Fahrer nicht richtig trifft: „Der große Luftsack bietet auch schräg nach vorne fallenden Insassen — wie es in der Unfallpraxis häufig vorkommt — ein ausreichend breites Polster.“

Und schließlich sieht man in dem großen Luftsack bei Mercedes auch noch einen anderen, wesentlichen Vorteil: „Ein großer Airbag fängt nicht nur den Kopf, sondern auch die Brust großflächig auf. Dies vermindert die Gefahr von Rippen- und Brustbeinfrakturen — und zwar um so mehr, je höher die Unfallschwere.“

Wohl auch deshalb ist Audi auf seinen besonders großen Fahrer-Prallsack stolz: Dieser 80 Liter fassende Fahrer-Airbag kann deshalb so groß sein, weil bei allen neuen Audi-Modellen im Falle eines Aufpralls das Lenkrad vom Fahrer weggezogen und an der Armaturentafel fixiert wird.

Obwohl sich Mercedes wiederum eindeutig für den großen Luftsack entschieden hat — „es ist zweifelhaft, ob die Funktionsnachteile des Eurobag seine eventuellen Kostenvorteile kompensieren“ —, ist man jedoch auch in Untertürkheim der Ansicht, daß der Prallsack ohne Gurt wenig Sinn macht: „Obwohl der Airbag grundsätzlich nur in Kombination mit dem Dreipunktgurt sinnvoll ist, bietet ein großer Luftsack auch nicht angegurteten Insassen einen gewissen Schutz — allerdings nur bei speziellen Frontalkollisionen.“

Man kann sich als Autofahrer seinen „speziellen Aufprall“ nicht aussuchen, und man kann als Verbraucher eine so aufwendige Sicherheitstechnik nicht überprüfen. Was man jedoch von den Automobil-Herstellern erwarten darf, ist, daß man für sein Geld das Optimum an Sicherheit bekommt. Die Frage ist nur: wo liegt es im Falle des Airbags?