Wenn der Computer durchs Parkhaus chauffiert

Autor Rüdiger Etzold
Veröffentlichungsdatum 1986
Veröffentlicht in Zeitungsartikel
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Mit „Prometheus“ läutet die Autoindustrie die Zukunft ein

Stuttgart spielt bei der Entwicklung eines neuen Verkehrssystemes für Europa eine wichtige Rolle / Von Frank A. Linden

Es geht um eine knappe Sekunde: Wäre es den Autofahrern möglich, um diese kurze Zeitspanne schneller auf drohende Gefahren reagieren zu können, ließen sich mehr als die Hälfte aller Unfälle im Straßenverkehr vermeiden. Die europäische Automobilindustrie, die diese Meinung vertritt, ist sich aber ebenso im klaren darüber, daß sich der kleine Zeitgewinn mit der großen Wirkung nicht mehr „durch Verbesserungen am einzelnen Fahrzeug“ verwirklichen läßt. Denn trotz aller Fortschritte in der Sicherheitstechnik nehmen angesichts der ständig wachsenden Blechlawine die „Verbesserungen insgesamt eher ab“, heißt es in einer gemeinsamen Erklärung von 13 führenden europäischen Automobilherstellern. Sie und ihre großen Zulieferer laborieren schon seit etlichen Jahren am Konzept des „rechnerunterstützten Fahrens“, das mit Hilfe intelligenter Technik und Bordcomputern den Fahrer in kritischen Situationen entlasten soll. Beispielhaft hierfür ist das Antiblockiersystem (ABS), das mit seiner auf Mikrochip programmierten „Expertenstrategie“ brenzlige Bremsmanöver entschärfen soll.

Zahlreiche Unternehmen arbeiten bereits seit längerem an Bordsystemen, die dem Autofahrer die Navigation erleichtern sollen. Im europäischen Forschungsprojekt,,Prometheus“ sollen nun die Erfahrungen gebündelt und auf das Ziel eines hochtechnisierten Verkehrssystems gerichtet werden.    Foto: Daimler-Benz

Zahlreiche Unternehmen arbeiten bereits seit längerem an Bordsystemen, die dem Autofahrer die Navigation erleichtern sollen. Im europäischen Forschungsprojekt,,Prometheus“ sollen nun die Erfahrungen gebündelt und auf das Ziel eines hochtechnisierten Verkehrssystems gerichtet werden. Foto: Daimler-Benz

Trotz oder gerade wegen der ersten Erfolge auf diesem Weg hat sich jedoch her-ausgestellt, daß er nicht zum Ziel führt: Der große Sprung vorwärts in der Sicherheit, Umweltverträglichkeit und Entlastung der Verkehrssysteme bedarf, so die neue Überzeugung der Auto industrie, einer „paneuropäischen“ Anstrengung von Herstellern, Elektronikunternehmen, Zulieferbetrieben und Forschungsinstituten. Wo bisher in der recht geheimniskrämeri-schen Branche ohne gemeinsames Verkehrskonzept an vielen Einzelprojekten gearbeitet wurde, soll jetzt ein „integriertes Gesamtsystem“ entwickelt werden.

Der Anstoß zum Umdenken kam – nicht ganz von ungefähr – aus Untertürkheim. Die Querelen um einheitliche Abgasgrenzwerte in Europa gerade hinter sich, den Aufbau eines Technologie-Konzerns vor sich und die forschungsintensive japanische und amerikanische Konkurrenz neben sich, gelangte man bei Daimler-Benz zur Ansicht, daß „ein Lösungsansatz für die Gesamtproblematik des Individualverkehrs“ gefunden werden müsse. Es galt, die Wettbewerbsfähigkeit der Europäer zu sichern und gleichzeitig der nicht selten widersprüchlichen europäischen Verkehrspolitik mit einer Vorwärtsstrategie der Industrie zu begegnen. Diese Arguihente überzeugten nicht pur die deutsche Konkurrenz wie BMW, Volkswagen und Porsche, sondern auch die Hersteller in Frankreich, Großbritannien, Italien und Schweden.

„Prometheus“, der Name des vor zwei Monaten von 18 Regierungschefs gebilligten Forschungsprojektes der Automobilindustrie, ist bereits Programm. Der Prometheus der griechischen Mythologie gab den Menschen das Feuer und ermöglichte ihnen dadurch eine höhere Stufe der Technik und Kultur – diesem hehrem Ziel haben sich auch die Autobauer verschrieben. „Es geht um nicht weniger als eine höhere Stufe der Organisation, ja der Kultur des Straßenverkehrs“, heißt es in ihrer Projektbeschreibung. Zunächst aber geht es in mühseliger Kleinarbeit darum, sich zu einigen, wohin die gemeinsame Reise überhaupt gehen soll. Denn der Kernpunkt der Kooperation ist die Entwicklung einheitlicher Spezifikationen, die dann vor allem der Elektronikindustrie als Vorgabe für ihre Forschungsbemühungen diénen sollen. Die praktische Umsetzung der Ergebnisse unterliegt dann wieder dem Wettbewerb.

Am Ende der achtjährigen Entwicklungsphase, die im Oktober beginnt, sollen dann konkrete Vorschläge für ein Verkehrssystem stehen, das dem Fahrer ¡eine Vielzahl von Informationen ins Auto liefert, die von anderen Fahrzeugen gesendet, von Computern ausgewertet und beispielsweise über Satelliten weiterverbreitet werden. Damit, so die Vorstellung, können zum Beispiel Staus auf Autobahnen rechtzeitig angezeigt und Massenkarambolagen vermieden werden. Jeder Fahrer wüßte zudem zu jedem Zeitpunkt, wo er sich befindet, wo er den nächsten Parkplatz, das nächste Hotel oder eine Tankstelle findet und welcher Weg am schnellsten zum Ziel führt. Das Zusammenwirken von Strecken- und Fahrzeugrechnern soll zu einer „ausgeglichenen Verkehrsraumnutzung und damit zur Verhinderung von und Staufs führen“, während die Orientierungshilfen unnötigen Streß und Umwege verhindern sollen.

Auch Kreuzungs- und Überholunfälle ließen sich vermeiden, wenn das Sichtfeld des Fahrers durch die Elektronik erweitert würde. So sind die Forschungsprojekte für das Fahrzeug selbst nicht weniger spektakulär. Es sei durchaus vorstellbar, meinen die Autobauer, daß künftig spezielle Fahraufgaben von der Elektronik übernommen werden: Nicht nur, daß der Wagen automatisch den richtigen Abstand zum voranfahrenden Fahrzeug hält, er soll auch so programmiert werden können, daß er sich automatisch in Parkhäusern zurechtfindet. Wo aber bleibt da der Fahrer – geschweige denn der Spaß am Fahren? Die „Prometheus“-Forscher behaupten, ihnen liege nichts ferner, als ein vollautomatisches Auto zu konstruieren, in dem sich das Fahren auf das Aus- und Einsteigen beschränkt. Aber konnte Prometheus wissen, was mit seinem Feuer alles angestellt wurde? Rückt mit der totalen Sicherheit nicht auch die totale Kontrolle der Verkehrsteilnehmer näher? Fragen, die die Techniker an die Politik weiterreichen, die darauf noch keine rechten Antworten hat.

Die Kaufleute in der Automobilbranche haben sich dagegen schon intensiv mit dem beschäftigt, was die Forschung in den kommenden Jahren aus dem Hut zaubern will. Siemens und Bosch, die wohl bald zum „Prometheus“-Kreis geladen werden, erwarten jedenfalls „einen riesigen Wachstumsmarkt“ (Siemens). Nachdem Mikrochips entwickelt wurden, die Nässe, Rütteln und hohe Temperaturunterschiede aushalten, „kann man jetzt das Auto mit Elektronik vollpacken“, meint ein Siemens-Sprecher. Stecke heute für durchschnittlich 250 DM Elektronik im Fahrzeug, so werde sich dieser Betrag bis 1990 auf 750 DM erhöhen. Bei Bosch, wo man sich unter dem Projektnamen „Mobile Kommunikation“ seit Jahren mit zahlreichen Teilbereichen des „Prometheus“-Projektes beschäftigt und sich ganz auf pine Teilnahme einstellt, wird das Absatzpotential von Navigations-, Funk- und Bordinformationssystemen schon heute auf jährlich 6 Milliarden DM allein in Europa geschätzt, in einigen Jahren sollen es 15 Milliarden DM sein. Kein Wunder, daß man auf der Gerlinger Hphe an die Einstellung von 200 neuen Ingenieuren für diesen Geschäftsbereich denkt und einen dreistelligen Millionenbetrag im Investitionsbudget dafür bereithält.

Dagegen nehmen sich die Summen, die für „Prometheus“ veranschlagt sind, geradezu bescheiden aus: Rund 38,6 Millionen DM sind für das erste Jahr eingeplant, die je zur Hälfte auf die Industrie und auf die 40 beteiligten Forschungsinstitute entfallen. Für die restlichen 7 Jahre ist dann ein Investitionsrahmen von jährlich rund 115,5 , Millionen DM vorgesehen, wobei die staatlichen Forschungszuschüsse von Land zu Land unterschiedlich ausfallen. Bereits in diesem Jahr schießt das Bundesforschungsministerium rund 2,2 Millionen DM zu, 1987 sollen es dann 9 Millionen DM sein.

In Untertürkheim mag man, sich seiner Stärke bewußt und gerade deshalb bei der Darstellung von „Prometheus“ auf den Kooperationsgedanken erpicht, nicht gerne hören, was die Konkurrenz freimütig eingesteht: Daimler-Benz, so Remi Kaiser, der bei Renault das Projekt betreut, hat den Stein ins Rollen gebracht. Manfred Jantke von Porsche wird noch etwas deutlicher: „Daimler mit seinen Technologie-Töchtern AEG und Dornier wird bei »Prometheus* den wesentlichen Teil bewegen.“ Doch nicht nur Daimler und Porsche sprechen dafür, daß das zweite Feuer des Prometheus in Baden-Württemberg auflodert: Bosch wird unter den Automobilzulieferern mit Sicherheit einen führenden Part bei der Kommunikation spielen. Hier wurden schließlich mit dem ARI-Verkehrs-funksystem und mit dem Pilotprojekt ALI, das über einen Zentralrechner Informationen aus einzelnen Fahrzeugen empfängt und sendet, bereits konkrete Erfolge erzielt.

Nicht zuletzt macht man sich auch bei der Backnanger ANT an der Bosch beteiligt ist, erste Gedanken über einen Verkehrssatelliten. Doch damit nicht genug. Im Stuttgarter Technologiezentrum Pfaffenwald wird die Tätigkeit der an „Prometheus“ beteiligten deutschen Forschungsinstitute koordiniert. Das dortige Institut für Mikroelektronik, das kräftig von der Landesregierung gefördert wird, soll sich mit der Entwicklung von fahrzeugtauglicher Elektronik beschäftigen. Die Wiege des Automobils, dies ist kaum zu leugnen, entpuppt sich im Jubiläumsjahr als Schrittmacher einer technischen Revolution im Straßenverkehr, und wie vor 100 Jahren ist nicht abzusehen, ob die Neuentwicklungen nur Verbesserungen bringen werden.

Von Frank A. Linden