Werden sich allradgetriebene Autos durchsetzen?

Autor Rüdiger Etzold
Veröffentlichungsdatum 1985
Veröffentlicht in Zeitungsartikel
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Mit beträchtlichem technischem Aufwand lassen sich gute Eigenschaften verwirklichen

Als Ende 1977 während der Wintererprobung verschiedener Audi-Modelle im fernen Finnland ein Begleitfahrzeug, das allradangetriebene Bundeswehrfahrzeug Iltis, trotz aufgezogener Sommerreifen auf schneebedeckter Piste immer die Nase vorn hatte, kam Audi-Fahrwerkchef Bensinger die Idee, die Allradtechnik des Iltis mit einer Audi 80-Karosserie zu kreuzen.

Im Audi-Technik-Vorstand Ferdinand Piech fand er einen aufgeschlossenen Partner, der das Unternehmen unterstützte, zumal der Iltis bei Audi entwickelt wurde und die Antriebstechnik kostengünstig zur Verfügung stand. Herbe Rückschläge in der allgemeinen Allradeuphorie mußten die Audi-Techniker von einer charmanten Dame hinnehmen. Als nämlich der Technische Vorstand des Volkswagenwerks, Ernst Fiala, einen ersten allradgetriebenen Audi 80 nach Wien steuert, ergreift auch Frau Fiala das Lenkrad. Ihr Urteil: „Schrecklich.” Beim Einparken und in engen Biegungen ließ sich der Allrad Audi 80 nur widerwillig hinlenken, da sich die beiden angetriebenen Achsen gegenseitig verspannten, die Räder radierten. Dennoch, die Audi-Techniker gaben nicht auf und setzten mit einem zusätzlich installierten Ausgleichsgetriebe das I-Tüpfelchen auf die Allradtechnik. Geboren war der „permanente Allradantrieb”.

Durch die ständig im Einsatz befindlichen vier angetriebenen Räder läßt sich das Fahrwerk perfekt abstimmen. Vor allem aber sind die negativen Einflüsse von vier angetriebenen Rädern nicht mehr spürbar. Der allradangetriebene Audi 80 fährt sich wie jedes andere Auto.

Aus dem Allrad-Audi 80 wurde dann der Quattro entwickelt, der durch seine eindrucksvollen Rallyesiege bei Audi für neuen Auftrieb gesorgt hat und in den Entwicklungsstuben der anderen Automobilfirmen für zusätzliche Überstunden. Denn inzwischen ist jede Pkw-Firma von Rang gezwungen, sofern man im Geschäft bleiben will, die Allradtechnik anzuwenden. Auch wenn Daimler-Benz Entwicklungschef Werner Breitschwerdt der Meinung ist, „daß im Moment zuviel Wind um den Allradantrieb im Pkw-Geschäft gemacht wird”. Gerade jene Firmen, deren Fahrzeuge konventionell angetrieben werden, mit Motor vorn und Antrieb an der Hinterachse, muß der Vorwurf gemacht werden, daß sie das Prinzip als gottgegeben hingenommen und sich bislang nichts zur Traktionsverbesserung haben einfallen lassen. Nun müssen sie aktiv werden.

Es ist nun einmal eine nicht wegzudiskutierende Tatsache, daß eine gut belastete Antriebsachse (VW Käfer, Audi 80) selbst auf glatter Straße für anständigen Vortrieb sorgt. Da nützt auch kein Transaxle (Schalt- und Ausgleichsgetriebe an der Hinterachse), wie es Porsche in die Modelle 924 und 928 installiert. Dieses Prinzip teilt das Auto nur in zwei Längshälften, erhöht das Fahrzeug-Eigengewicht und steigert unnötig die Kosten. So ist es denn auch gar keine Seltenheit, daß sich der Porsche 928 an schneebedeckten Steigungen mit der Behendigkeit einer auf dem Panzer liegenden Schildkröte davonbewegt. Dabei hätte Porsche rechtzeitig auf den Allradantrieb umschwenken können. Denn schon Ende der sechziger Jahre (1968/69) wurden von Porsche mehrere Allrad-Jensen-Sportwagen erprobt. Die Techniker von Porsche kamen damals jedoch zu der Ansicht, daß dieses Antriebsprinzip keine wesentlichen Vorteile bietet. Inzwischen ist auch hier die Meinung eine andere. Auf der Internationalen Automobilausstellung in Frankfurt wurde 1981 der erste 911 mit Allradtechnik vorgestellt, und auch der 928, der den Allradantrieb ebenfalls nötig hätte, soll auf der Turracher Höhe in Österreich seine ersten Fahrversuche absolviert haben.

Im kalten Kiruna wiederum erprobte Daimler Benz den kleinen Mercedes (EA 201), der im November dieses Jahres sein Debüt geben wird. Im Fahrzeugtroß von Daimler waren auch der Audi Quattro und ein frontgetriebener Opel Ascona; der auf vereisten Steigungen dem EA 201 zeigte, was es ausmacht, wenn die Antriebsachse gut belastet ist. Erst als der EA 201 mit vier Personen und zusätzlichem Gepäck angereichert war, kehrte sich die Lage um, der Neue von Mercedes hatte die Nase vorn. Doch, wer hat schon immer seine Schwiegermutter oder einen Sandsack dabei?

Chefentwickler Werner Breitschwerdt von Daimler Benz will allerdings derartige Argumente nicht gelten lassen und verweist darauf, daß sein Dienst-Mercedes, mit den richtigen Reifen bestückt, bei jedem Wetter gut vorankommt. Vielleicht war schon das von Daimler favorisierte und elektronisch geregelte Anti-Schlupf-Sperrdifferential eingebaut, das im Herbst 83 auch den Kunden angeboten werden soll.

Gegen die Allradtechnik im Pkw, so hört man aus Untertürkheim, sprechen auch die hohen Kosten. In der Tat ist der Aufwand für die Allradtechnik beträchtlich, daß sie keine technische Eintagsfliege bleiben wird, unterstreichen aber schon jene Firmen, die intensiv an entsprechenden Modellen arbeiten.

BMW plant für die neue 7er-Baureihe den Allradantrieb in Zusammenarbeit mit der englischen Firma FF Developments. Die hierbei angewandte und verfeinerte Technik soll eine prozentuale Aufteilung des Drehmoments von 40 zu 60 Prozent auf Vorder-und Hinterachse erlauben (Quattro 50 zu 50), so daß im Grenzbereich des Fahrzeugs ein Trend zum Übersteuern gegeben und dadurch das Fahrzeug besser zu beherrschen ist.

Die Sportabteilung der Firma Opel hat einen Manta mit Allradtechnik aufgebaut, der zur Zeit erste Gehversuche unternimmt. Einen Opel kann man übrigens schon mit Allradtechnik kaufen, und zwar einen Monza oder Senator, den die Firma Bitter aus Schwelm anbietet. Bitter konnte die Technik der Firma Ferguson nutzen, die 1980 25 Opel Senator für den Berlineinsatz der britischen Armee mit Allradtechnik ausrüstete.

Ford übt zwar noch Allradabstinenz, allerdings will man beim Nächfolgemodell des Taunus, dem Sierra, erste Allradversuche im Personenwagen unternehmen.

VW wird 1984 den Transporter wahlweise auch mit vier angetriebenen Rädern anbieten. Aufgerüstet wird das Fahrzeug von der österreichischen Firma Steyr-Daimler-Puch.

Porsche hat schon einen 911 und wahrscheinlich auch den 928 mit Allradtechnik ausgerüstet. Die Vorstellung dieser Fahrzeuge dürfte allerdings noch gut zwei bis dreit Jahre auf sich warten lassen.

Bei Fiat ist es der Panda, der Geländefahrzeug-Eigenschaften erhalten soll, und zwar auch von Steyr-Daimler-Puch.

Lancia stellte jüngst auf dem Turiner Autosalon eine Allradstudie im Delta vor, die schon 1983 dem Kunden zur Verfügung stehen dürfte. Auch hier soll das Drehmoment unterschiedlich verteilt auf die Achsen abgegeben werden.

Renault ist mit einem Fuego für Rallyes dabei, und der R 4 wie auch der R 6 sollen folgen. Und da der Renault 5 Turbo in der Rallyeversion mit vier angetriebenen Rädern wesentlich besser dastehen würde, plant man auch hier, die neue Technik anzuwenden.

Peugeot kündigte für den Pariser Salon (30. September 1982) einen Allrad 505 an, der im sportlichen Wettbewerb die Interessen der Firma nachdrücklich unterstützen soll.

Erster unter den japanischen Allradfahrzeugen war der Subaru, der sich in Europa vor allem in den Alpenländern eines regen Zuspruchs erfreuen darf. Der Subaru war übrigens der erste Personenwagen, den man von Anfang an als Allradfahrzeug konzipierte. Hier wurde allerdings noch der zuschaltbaren Achse der Vorzug gegeben (wie bei Geländefahrzeugen), die in Zukunft wegen des unterschiedlichen Fahrverhaltens im Personenwagenbau keine Rolle mehr spielen dürfte. Der permanente Antrieb, wie im Quattro (alle vier Räder ständig im Einsatz) ist das technisch sinnvollere Prinzip.

Mit von der Partie ist auch Toyota, wo man noch in diesem Jahr den Allradantrieb im neuen Tercel vorführen will. Und Nissan Datsun wird es nicht bei dem Allrad-Geländewagen Patrol belassen, denn auch beim 16-Ventiler Skyline 2000 Turbo RS ist diese – Technikern Gespräch.

Weltweit ist also der Vierradantrieb im Personenwagen nicht mehr aufzuhalten. Zumindest als Alternative. Audi-Vorstand Piech geht sogar davon aus, daß Ende der 80er Jahre monatlich 1000 Käufer einen Personenwagen mit Allradantrieb ordern werden. Und damit dieses Ziel auch erreicht wird, bietet Audi gegenüber dem Quattro eine wesentlich preiswertere Allradofferte an. Denn noch in diesem Jahr soll der Audi 80 mit Quattro-Technik dem Publikum zur Verfügung stehen.

Hans-Rüdiger Etzold