Wie wird Wolfsburg reagieren

Autor Rüdiger Etzold
Veröffentlichungsdatum 1984
Veröffentlicht in Süddeutsche Zeitung
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Porsche-Vorstand Peter W. Schutz gibt seine Amerika-Piäne noch nicht auf

Mit dem Versuch, die amerikanischen Händler aus dem Geschäft zu drängen, hat Porsche VW-Audi verärgert

Der Auto-Zwerg Porsche aus dem Schwabenland löckt wider den Stachel des Auto-Giganten aus Wolfsburg: Um die eigenen Kunden intensiver und besser bedienen zu können, hat Porsche den seit 1970 bestehenden Vertriebsvertrag für Porsche-Modelle mit VW of America nicht verlängert

Durch die Umstrukturierung des Porsche-Vertriebs stehen der VW of America jährlich einige hundert Millionen Mark nicht mehr zur Disposition. Rund 150 Millionen flössen den Händlern an Verkaufsprovisionen in die Kasse und weitere 50 Millionen Mark steuerte das Ersatzteilgeschäft hinzu.

Allerdings wird sich der Vertrieb nicht so realisieren lassen, wie es sich der Vorstandsvorsitzende der Porsche AG, Peter W. Schutz, ausgedacht hatte.

Vorgesehen waren für Amerika 40 Porscheeigene Vertriebszentren, die die Händler an die kurze Leine nehmen sollten und diese überdies zu Verkaufsagenten mit verringertem (von 18 auf acht Prozent) Provisionsanteil degradiert hätten. Durch den massiven Druck der amerikanischen Händler und eine Hundert-Millionen-Kla-ge gegen Porsche mußte der Sportwagenhersteller das Herzstück seiner Vertriebs-Überlegungen fallenlassen. Es wird keine eigenen Porsche-Vertriebszentren geben, und die Händler dürfen auch weiterhin als solche auftreten. „Durch den Coup von Porsche“, so ein VW-Manager, „fühlten sich die Audi-Porsche-Händler entmannt“ Schließlich wurde durch Porsche etwas abrupt beendet, was so gut begann.

Unter dem damaligen VW-Vertriebschef Carl Hahn und jetzigem VW-Vorstand wurde 1969 die damals in Amerika noch eigenständig operierende Porsche-Vertriebsfirma mit Audi verschmolzen. Das hatte für beide Partner Vorteile: Das Volkswagenwerk war mit einem Marktanteil von um die fünf Prozent den Amerikanern als Importeur schon fast zu stark. Es war also aus politischen Gründen sinnvoll, die VW- und Audi-Händler getrennt marschieren zu lassen. Porsche hätte wiederum mit seinem Fahrzeugprogramm Probleme mit dem Flottenverbrauch bekommen, der seinerzeit eingeführt wurde, um allgemein den Kraftstoffverbrauch zu senken. Zudem konnte man die beiden Fahrzeuglinien problemlos von einem Händler vertreiben lassen, da zwischen den Audi- und Porsche-Modellen kaum eine Substitution zu Lasten des anderen gegeben war. Audi gewann überdies an Ansehen durch das gute Porsche-Image, und beide Firmen zusammen sorgten in dem großen Importland für eine gesunde und lebensfähige Händlerschaft.

Weniger Aufträge aus Wolfsburg

Obwohl es eigentlich nie eine richtige Ehe zwischen VW und Porsche gegeben hat, sind beide Firmen seit über dreißig Jahren eng miteinander verbunden. Als VW-Chef Nordhoff noch in Wolfsburg regierte, überwies er nicht nur für jeden produzierten Käfer eine Mark nach Stuttgart, sondern ließ auch jede Menge Fahrzeuge von den Schwaben entwickeln.

Der Nachfolger von Nordhoff, Kurt Lotz, hatte etwas ganz anderes mit Porsche vor. Er wollte die kleine, aber feine Firma als Denkfabrik und zur Erprobung neuer Technik. Porsche sollte die Vorserie mit neuer Technik starten und den Markt testen. Bei positivem Urteil wollte dann das Volkswagenwerk mit der Großserienproduktion starten.

Testfall für das engere Zusammenrücken beider Firmen war die gemeinsame Tochtergesellschaft VW-Porsche, die mit dem Geld von VW einen von Porsche konstruierten und von Kar-mann produzierten Sportwagen vertrieb. Der mit Mittelmotor ausgestattete VW-Porsche 914 konnte jedoch im rein sportlichen Bereich keine Lorbeeren gewinnen und machte eigentlich nur dadurch von sich reden, daß er im Fahr-Grenz-bereich ein hohes Maß an Fahrkönnen voraussetzte.

Dem Nachfolger von VW-Chef Lotz, Rudolf Leiding, blieb es .dann Anfang der siebziger Jahre Vorbehalten, eine eigene, starke Forschungs- und Entwicklungsabteilung unter Ernst Fiala aufzubauen. Er kündigte überdies bei Porsche einige Entwicklungsaufträge und ließ zwei von Porsche für VW entwickelte Fahrzeuge erst gar nicht auf die Produktionsbänder. Dazu gehörte der EA 266, ein bis zur Serienreife entwickelter Käfer-Nachfolger und ein für Audi entwickelter Sportwagen. Obwohl Leiding diesen initiiert und selbst Hand angelegt hatte, um ihn formal auf Vordermann zu bringen, sorgte er dann auch dafür, daiß dieses Fahrzeug nicht unter dem Namen Audi erschien.

Porsche kaufte dem Volkswagenwerk die komplette Entwicklung ab und machte mit einem Schlag vier Partner glücklich: Das Volkswagenwerk, weil es für das ungeliebte Kind noch Geld bekam und die eigenen Produktionsbänder in Neckarsulm auslastete; das Land Baden-Württemberg, weil Arbeitsplätze erhalten blieben; die Händler, weil sie einen preisgünstigen Sportwagen unter dem Namen Porsche anbieten konnten, und Porsche selbst, weil die Firma aus eigener Kraft zu jener Zeit kaum ein Einsteiger-Modell hätte auf die Beine stellen können.

Überdies war bei der Entwicklung dieses Modells streng darauf geachtet worden, möglichst viele Teile aus der Großserien-Produktion zu verwenden. So fanden sich denn unter dem sportlichen Kleid des Porsche 924 Teile vom Käfer (Achsen) und vom Audi (Motor) wieder. Der 924 geriet Porsche zum Glücksfall. Man bekam ein fertiges, selbst konstruiertes Fahrzeug und brauchte nicht einmal eine eigene Produktionslinie aufbauen. Aus dem 924 ließ sich zudem mit wenigen Applikationen und recht kostengünstig der 944 entwickeln, der mit einem neuen, von Porsche konstruierten Motor für gute Fahrleistungen und hervorragende Verkaufszahlen sorgt. Von dem nunmehr neun Jahre alten 924 und dem artverwandten 944 läßt Porsche in den Werkshallen von Audi-NSU täglich 130 Stück produzieren. So viele Fahrzeuge wurden von keinem anderen Porsche-Modell jemals gebaut.

Trotz dieser jahrelangen und intensiven Zusammenarbeit muß VW jetzt feststellen, daß der Partner eigene Wege einschlägt, die dem Giganten nicht zur Freude gereichen. Und so fragt es sich auch, wie die Zentrale in Wolfsburg reagieren wird. Noch bestehen ja einige feste Bande. So haben hierzulande die großen VA.G.-Händler ‚ auch den Porsche-Verkauf in ihrer Hand; die Familien Porsche-Piëch sind in Österreich General-Importeur für alle VW-Audi-Fahrzeuge und Audi produziert in Neckarsulm für Porsche die Modelle 924 und 944.

Zwar ließ die Porsche AG mit der Meldung, künftig in den USA allein zu marschieren, auch verkünden, „daß die jahrzehntelange enge Geschäftsbeziehung zum Volkswagenwerk unberührt bleibt“, aber schon werden Stimmen laut, daß die Porsche-Aktionäre „feuchte Händchen haben“, wegen der forschen Vorwärtsstrategie des derzeitigen Porsche-Vorstandsvorsitzenden Schutz.

Auch wenn jetzt die Porsche-Audi-Händler weiterhin beide Auto-Fabrikate vertreiben, ist es in Wolfsburg das vorrangige Ziel, den 323 amerikanischen Verkaufsstellen langfristige Zukunftsperspektiven zu eröffnen. Das kann eigentlich nur dahingehend gedeutet werden, daß Audi sein Programm mit sportlichen Modellen weiter ausbaut. Schon heute wildert der Audi-Image-Trä-ger Quattro in der Porsche-Kundschaft. Warum sollte man diesem und dem Audi 80 Coupé nicht ein weiteres sportliches Fahrzeug zur Seite stellen? Eine Rücksichtnahme auf den ehemaligen Vertriebs-Partner kann und muß man sich ja nicht mehr leisten.

HANS-RÜDIGER ETZOLD