Wohin mit dem Plastik

Autor Rüdiger Etzold
Veröffentlichungsdatum 1989
Veröffentlicht in Zeitungsartikel
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Jährlich werden 1,8 Millionen Autos verschrottet

Als der Vorstand der Auto Union 1937 erstmals ein Meisterklasse-Modell mit Kunststoffaufbau begutachtete, glaubte man in Sachsen, den Durchbruch geschafft zu haben: weg von der Holz- oder Blech-Karosserie, hin zur Auto-Außenhaut aus der Retorte. Die recht weit gediehene Entwicklung wurde jedoch Ende der dreißiger Jahre mit Beginn des Zweiten Weltkriegs abrupt unterbrochen.

Mitte der fünfziger Jahre war es bei der Auto Union, diesmal in Ingolstadt, wieder so weit: Dank neuer Rezepturen und intensiver Weiterentwicklung träumte man nicht nur von einem superleichten Kleinwagen mit Kunststoffkarosserie, man hatte sogar erste Prototypen fertig. Der Traum wurde allerdings nie Wirklichkeit. Auch andere Automobilfirmen haben immer wieder versucht, das Kunststoffzeitalter im Karosseriebau einzuläuten. Es ist ihnen, zumindest im Großserienbau, bislang noch nicht geglückt.

Dennoch ist der Einsatz von Kunststoffen im Automobilbau nicht mehr wegzudenken. Als der Käfer 1935 erstmals der Öffentlichkeit präsentiert wurde, waren allenfalls der Fahrtrichtungsanzeiger und der Startknopf aus Kunststoff. Heute ist praktisch die gesamte Innenausstattung eines Automobils aus der Retorte. Darüber hinaus werden selbst großflächige Teile wie die Stoßfängerummantelung, die Heckklappe (Fiat Tipo), die Reserveradmulde (Audi) oder die Seitenbeplankung (Mercedes) bis hin zum Rädchen im Tacho aus den verschiedensten Kunststoffen gefertigt. In der Zeit von 1975 bis 1985 hat sich der Kunststoffan-teil im Fahrzeug von 5 auf 10 Prozent erhöht. Weitere Steigerungsraten sind möglich, denn der Kunststoff hat gegenüber dem Metall einige Vorteile: Er ist leicht, korrodiert nicht, ermöglicht die unterschiedlichsten Formen und bietet die vielfältigsten Einsatzmöglichkeiten.

Nur noch Müll; Fast zwei Millionen Altfahrzeuge werden in der Bundesrepublik jährlich zerkleinert. Ein großer Teil des Schrotts kann wiederverwendet werden, aber Probleme bereitet die Entsorgung der Kunststoffteile.  Foto Rebehn

Nur noch Müll; Fast zwei Millionen Altfahrzeuge werden in der Bundesrepublik jährlich zerkleinert. Ein großer Teil des Schrotts kann wiederverwendet werden, aber Probleme bereitet die Entsorgung der Kunststoffteile.
Foto Rebehn

Der Kunststoff ist also geradezu ein idealer Werkstoff, der jedoch in zunehmendem Maße auch negativ beurteilt wird, zumal er bei der Verarbeitung und auch der Beseitigung Gesundheitsschäden verursachen kann. Außerdem sorgt dieser Stoff, er aus dem Erdöl gewonnen wird, für riesiege Müllberge, da er sich selbst nach vielen Jahren von allein nicht wieder auflöst. Auch deshalb hat man den Kunststoff Tragetaschen den Kampf angesagt.

Jährlich produzieren die Bundesbürger einen rund 30 Millionen Tonnen schweren Müllberg. Von dieser riesigen Menge stammen 500000 Tonnen aus sogenanntem Shreddermüll. Zerkleinert werden jährlich in der Bundesrepublik etwa 1,8 Millionen Altfahrzeuge. 75 Prozent der Fahrzeug-Bestandteile können wiederverwendet werden. Der zerkleinerte Schrott wird meistens nach Asien verschifft und dort zu Stahl verarbeitet, da er hierzulande wegen seiner geringeren Qualität keinen Markt hat. Trotz dieser relativ hohen Recyclingrate landen jährlich immer noch rund 500000 Tonnen Autoschrott einschließlich der im Auto verwendeten Kunststoffteile auf den Deponien, weil man ihn bislang noch nicht recyclen kann; und weil die Deponiegebühren noch so niedrig sind, daß man sich noch nicht intensiv um ein umsetzbares Recycling gekümmert hat.

Dennoch haben sich einige Firmen darauf spezialisiert, aus Kunststoffabfällen oder alten Kunststoffteilen neue zu fertigen. Problematisch erweist sich dabei jedoch, daß Kunststoff nicht gleich Kunststoff ist und sich nicht jeder Retortenstoff für die Wiederverarbeitung eignet. Mithin wird man wohl in Zukunft alle Kunststoffteile mit einem Code versehen müssen, um sie überhaupt wieder aufbereiten zu können. Bis zu fünfmal läßt sich beispielsweise eine Kunststoffgartenbank recyclen, dann muß schlußendlich auch dieses Produkt entsorgt werden — bislang noch auf einer Deponie.

Eine sinnvollere Entsorgung bietet sich mit der Pyrolyse an. Unter Pyrolyse versteht man die thermische Zersetzung unter Luftausschluß. Gewonnen wird dadurch Gas und öl, welches wiederum für den Pyrolyse-Prozeß eingesetzt werden kann. Aus dem gewonnenen öl läßt sich auch Superbenzin machen. Eine entsprechende Anlage gibt es in Ebenhausen bei Ingolstadt, allerdings arbeitet sie nicht mehr. Denn derzeit erlaubt der niedrige Erdölpreis keine wirtschaftliche Nutzung. Für die Entsorgung von einer Tonne Kunststoff müssen trotz Rückgewinnung von Gas und Öl Mehrkosten in Höhe von etwa 350 DM in Kauf genommen werden. Da ist es derzeit immer noch preiswerter, man lädt den Kunststoff-Müll einfach auf der nächsten öffentlichen Deponie ab.

Um die Deponien nicht mit diesen Abfällen zu belasten und dennoch die Kosten für die Abfallbeseitigung zu minimieren, ist ein bundesweites Entsorgungskonzept für Kunststoffabfälle erforderlich. Sonst wird man schon in naher Zukunft die Besitzer der Altfahrzeuge zur Kasse bitten. 200 DM für die Entsorgung sind schon heute im Gespräch.

HANS-RÜDIGER ETZOLD