Zirkuspferd

Autor Rüdiger Etzold
Veröffentlichungsdatum 1976
Veröffentlicht in Gute Fahrt
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Ab April sollen 50 heiße Sciroccos in Rundstrecken-Rennen um den Junior Cup wetteifern. GUTE FAHRT fuhr den 110-PS-Prototyp.

Kaum waren die ersten Meldungen über den neuen VW-Scirocco-Cup in Umlauf, da stand beim Organisator dieser Rennen (Formel-V, in Hannover, Ludwig-Barnay-Straße 18) das Telefon nicht mehr still. Geld wurde ohne Aufforderung eingesandt, bekannte Sportfahrer als Bittsteller vorgeschoben, die Ehefrau mit Blankovollmacht und Barscheck auf die Reise geschickt — um einen jener 50 Sciroccos zu ergattern, die ab April dieses Jahres auf heimischen Rennstrecken um Punkte und Siegprämie gegeneinander fahren. Hoffentlich nicht nach Art der Renault-R5-Fahrer, die in ihrem ersten Rennen mehr auf dem Dach als auf den Rädern durch die Kurven eilten.

Daß diese Rennen ihre Tücken haben, liegt am Ausschreibungsmodus: Die Fahrzeuge sind technisch gleichwertig. Auch alle 50 Sciroccos gehen mit gleicher Motorleistung an den Start. Denn als Basis für den Scirocco-Cup dienen Serienwagen, die mit nur wenigen einheitlichen Änderungen für den Motorsport hergerichtet werden. Aerodynamische Hilfen, wie Front- und Heckspoiler sowie die nachträglich angeschraubten Kotflügel-Verbreiterungen, unterstreichen das sportliche Aussehen dieser Scirocco-Kleinserie, deren Sport-Look, entworfen von Broder Brodersen, bei allen Wettbewerbsfahrzeugen gleich ist. Dies gilt auch für die Aufkleber der verschiedensten Firmen, die schon jetzt darum streiten, in welcher Größe ihr Name auf den werbewirksamen Sciroccos angeheftet werden darf. Und da die Blechfläche schon bei der ersten Vorstellung nicht mehr für alle Zettel ausreichte, wird man wahrscheinlich bei den einsatzfertigen Sciroccos vor lauter Aufklebern kaum mehr den Wagen finden.

Das Interieur gibt sich betont sachlich. Mattschwarz ist die Armaturentafel, die neben dem Drehzahlmesser auch den Schlüssel zum Abschalten der gesamten Bordelektrik aufnimmt. Öltemperatur- und Öldruckanzeiger ruhen in einer Mittelkonsole.

Für den Fahrer ist ein richtiger Schalensitz vorgesehen, Marke Recaro, der Beifahrer ruht auf einem bequemeren Sportsitz, der, wie auch alle anderen Sitzgelegenheiten, in einem farbenfrohen Streifenmuster gehalten ist. Natürlich fehlen auch die für einen sportlichen Einsatz notwendigen Requisiten wie Überrollbügel, Feuerlöscher und Hosenträgergurte nicht.

Spoiler für Bug und Heck, breite Reifen auf Leichtmetallfelgen und auffällige Startnummern kennzeichnen den Renn-Scirocco, der auch auf öffentlichen Straßen gefahren werden darf. Zum sportlichen Interieur zählen Feuerlöscher, Oberrollbügel und Schalensitze.

Spoiler für Bug und Heck, breite Reifen auf Leichtmetallfelgen und auffällige Startnummern kennzeichnen den Renn-Scirocco, der auch auf öffentlichen Straßen gefahren werden darf. Zum sportlichen Interieur zählen Feuerlöscher, Oberrollbügel und Schalensitze.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Das von der Konstruktion her sichere Fahrwerk bedurfte nur geringfügiger Retuschen, um auch auf einem Rennkurs eine gute Figur zu machen. Damit die Räder in Wechselkurven intensiver am Boden haften, hat man knochenharte Sachs-Dämpfer installiert. Zur Verbesserung der Kur-ven-Grenzgeschwindigkeit sind Pirelli-Reifen in der Größe 195/50 auf 15 Zoll großen und 51/2 Zoll breiten ATS-Leichtmetallfelgen aufgezogen. Diese Reifen bringen viel Gummi auf die Straße, sind extrem flach und damit weniger komfortabel.

Das von Haus aus untersteuernde Scirocco-Fahrwerk ließ sich in Richtung Übersteuern manipulieren, indem man den vorderen Stabilisator entfernte und an der Hinterachse einen 24 mm starken einbaute. Mit dieser Abstimmung marschiert der Scirocco im Grenzbereich durch die Kurve wie einst der Käfer: quer zur Fahrtrichtung. Für die Zuschauer ist dieser Fahrstil attraktiv und spektakulär, und die meisten Sportfahrer schwören auf diese Art der Kurvenumrundung. Den nötigen Schub erhält der Scirocco vom 1,6-Liter-110-PS-Einspritzmotor, der schon seit Monaten im Audi 80 GTE seinen Dienst verrichtet. Grundsätzlich sind für die Scirocco-Wettbewerbsfahrzeuge alle weite

ren leistungssteigernden Maßnahmen verboten, bis auf eine, die vielleicht 1 PS bringt und ansonsten nur die Kraft für das Gehör deutlich machen soll: Ausgewechselt wird vor dem Rennen der Nachschalldämpfer gegen eine Renntüte, die die Auspuffgase zu einem infernalischen Gebrüll formt und erst dadurch die ersehnte Rennatmosphäre schafft.

Bei einem Leistungsgewicht von 7,5 Kilo pro PS spurtet der Scirocco von 0 auf 80 km/h in 6,0 Sekunden und erreicht die Marke 100 nach 8,8 Sekunden. Ob er seine Höchstgeschwindigkeit von 185 km/h auf der Rennstrecke oft einsetzen kann, ist fraglich, da die Übersetzung zwecks Motorschonung etwas länger gewählt werden mußte. Leider fehlt zur optimalen Ausnutzung des drehfreudigen Motors ein Fünfganggetriebe.

Mit dem Renn-Scirocco erhalten Nachwuchs-Sport-fahrer ein Auto in die Hand, das seine volle Alltagstauglichkeit behält und im Preis (15 000 Mark) für viele noch erschwinglich ist.

Die 50 Fahrer sind inzwischen aus dem großen Interessentenkreis ausgewählt. Das muß die 1150 übrigen Bewerber nicht grämen, denn im Juni wird jeder VW- und Audi-Händler den Scirocco GTI mit 110 PS Einspritzmotor anbieten können. Freilich ohne die sportliche Kriegsbemalung und ohne die Aufkleber. Die kann man sich dann ganz nach eigenem Geschmack aufkleben, denn schließlich ist jeder dann auch sein eigener Sponsor.

Hans-Rüdiger Etzold