Zur Sache, Schätzer

Autor Rüdiger Etzold
Veröffentlichungsdatum 1969
Veröffentlicht in Gute Fahrt
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Wir ließen von vier Gutachtern den Zeitwert eines 59er VW-Käfers schätzen. — Ob sie ihn fanden?

Konsterniert betrachtet die Redaktion vier Sachverständigen-Gutachten, die derart voneinander abweichen, daß wir uns fragen: was taugen amtlich anerkannte Sachverständige?

Dabei ist die Gutachter-Aufgabe, die wir den vier Sachverständigen stellten, so alltäglich, daß sie jedem Autofahrer widerfahren kann: Wir wollten von den amtlich anerkannten Schätzern wissen, wie hoch der Zeitwert eines VW-Käfers ist, der in diesem Jahr seinen 10. Geburtstag feiert. Und da wir in der Redaktion keinen so betagten Käfer besaßen, kauften wir kurzerhand einen. Doch bevor wir den Kaufvertrag unterschrieben, hatten wir uns durch Auswertung von Tageszeitungsannoncen, Umfragen und Auswerten von Gebrauchtwagenpreisen mit der Materie vertraut gemacht. Dann schlugen wir zu. Für genau 600 DM kauften wir privat einen VW-Käfer aus dem Jahr 1959. Der Preis für dieses Auto war reell und angemessen. Bevor wir nun die Sachverständigen zur Sache baten, schnallte sich Redakteur Etzold den Gurt um den Leib und raste mit gemütlichen 15 km/h gegen einen Baum. Es war ein wunderschöner Baum (unser Bild zeigt ihn), der nicht erzitterte, als der Käfer an seiner Rinde hochkrabbelte. Leicht zerknittert – Stoßstange, Kotflügel, Haube und Abschlußblech — schafften wir den VW auf den Hof einer Werkstatt.

Vorher: Diesen Käfer aus dem Jahr 1959 haben wir für 600 DM gekauft. Dann fuhren wir ihn gegen einen Baum.

Vorher: Diesen Käfer aus dem Jahr 1959 haben wir für 600 DM gekauft. Dann fuhren wir ihn gegen einen Baum.

Nun ist es nicht alltäglich, daß man mutwillig mit seinem eigenen Wagen gegen einen Baum fährt. Was einem aber täglich passieren kann, ist, daß ein anderer Verkehrsteilnehmer das Auto demoliert. Ist dann der Schaden beträchtlich und das Auto nicht mehr das neueste, dann kommt der Schätzer von der Versicherung. Der nennt dann den Zeitwert, den das gute Stück vor dem jüngsten Unfall hatte, und begutachtet, ob die Reparaturkosten nicht diesen Zeitwert des unversehrten Autos übersteigen. In der Regel fällt der Zeitwert so niedrig aus, daß man für das Geld kaum ein gleichwertiges Auto wieder bekommt.

Nachher: Anschließend baten wir vier Schätzer, den Zeitwert des unversehrten Autos zu ermitteln.

Nachher: Anschließend baten wir vier Schätzer, den Zeitwert des unversehrten Autos zu ermitteln.

Derartige Gutachten muß der Autofahrer nicht anerkennen. Er kann sich einen eigenen Schätzer holen. Viele Autofahrer machen das nicht, da sie von der im Versicherungsauftrag erfolgten .amtlich anerkannten Schätzung“ geblendet sind, zum anderen scheuen sie auch die hohen Schätzerkosten. Mit Recht! Zwar wurde 1956 eine Gebührenordnung für Kfz-Sachverständige erstellt,-an der sich die Schätzer orientieren sollen; doch fällt manchen die Orientierung schwer. Laut Gebührenordnung werden die Schätzerkosten nach der Höhe der Schadenssumme berechnet. In unserem Schadensfall war dies nicht der Fall. Wir zahlten in einem Fall bei einer geschätzten Schadenssumme von 750 DM 74,91 DM Schätzer-Gebühren und im anderen Fall 80,15 DM bei einer Schadenssumme von nur 300 DM. Daß die Gutachter die Gebührenhöhe frei kalkulieren, wurde uns auch vom Bundesverband der unabhängigen Sachverständigen des Kfz-Wesens bestätigt. Bevor man also einem Schätzer einen Auftrag erteilt, sollte man vorher einen Kostenvoranschlag einholen.

Ob es sich allerdings lohnt, einen amtlich anerkannten Sachverständigen mit der Begutachtung eines Kfz-Schadens zu beauftragen, müssen wir nach unserer Untersuchung stark bezweifeln. Denn das Staunen und der Ärger beginnt dann kosmische Ausmaße anzunehmen, wenn man nicht nur einen Schätzer, sondern deren mehrere bemüht, das gleiche Objekt zum gleichen Zeitpunkt zu begutachten. Sehen Sie sich unsere Untersuchung an! Da finden vier Schätzer übereinstimmend in ihren Gutachten heraus, daß der Wagen Kokosmatten hat, die Farbe blau ist, der Motor stark schmutzig und das Fahrzeug in einem dem Alter entsprechenden Zustand. – Was sie nicht finden, und schon gar nicht übereinstimmend: Den Zeitwert des unversehrten Autos.

Es ist doch einfach unmöglich, wenn die Schätzer Gutachten abgeben, die voneinander um 200% (in Worten: zweihundert Prozent) abweichen! Schließlich ist es nicht egal, ob der Zeitwert des Wagens 300 oder 900 DM beträgt!

Ein Autofahrer, der von einem Schätzer ein Gutachten einholt, kann erwarten, daß dieses mit der größtmöglichen Sorgfalt erstellt wird. Daran darf es dann nichts mehr zu rütteln und zu deuteln geben. Abweichungen bis zu 5% sind tragbar und wohl nicht zu beanstanden. Wenn die Gutachten aber mit 200% Unterschied erstellt werden, dann sind die Methoden, nach denen Sachverständige ihre Gutachten abgeben, nicht mehr haltbar! Oder der amtlich anerkannte Sachverstand darf bezweifelt werden!

Wozu der ganze Schätzer-Schweiß, wenn keiner den richtigen Zeitwert weiß? 
Schätzer 1 (Dipl.-Ing. Adolf K.) Schätzer 2 (Dipl.-Ing. Karl Ha.) Schätzer 3 (Dipl.-Ing. Reiner Hö.) Schätzer 4 (Dipl.-Ing. Herbert Zi.)
Das ist der Zeitwert, den die Schätzer ermittelten.

300 DM

„Bei dem Alter des Wagens liegt Totalschaden vor. Der Restwert mit Bereifung beträgt 125 DM. Schadenshöhe 175 DM.“

Wir meinen: Das Auto wurde für 600 DM gekauft. Schätzer K. ermittelte einen Zeitwert, der um 50% unter dem Kaufpreis liegt.

630 DM

„Instandsetzungskosten ca. 895 DM. Restwert nach Marktlage 130 DM. Es liegt Totalschaden vor.“

Wir meinen: Schätzer Ha. hat den Zeitwert richtig eingeschätzt. Sein ermittelter Wert liegt nur um 5% über dem Kaufpreis. Das kann man gelten lassen.

750 DM

„Instandsetzungskosten ca. 753 DM. Restwert für das Unfallauto 80 DM. Es liegt Totalschaden vor.“

Wir meinen: Schätzer Hö. hat vorne M + S-Reifen festgestellt, die nicht vorhanden waren. Mit dem geschätzten Zeitwert liegt er 25% über dem Kaufpreis.

900 DM

„Sonderausrüstung: Ablagefach, Schonbezüge, Fußmatten, 2 Anschnallgurte, D-Schild, Schmutzfänger. Es liegt kein Totalschaden vor.“

Wir meinen: Schätzer Zi. ermittelte einen Zeitwert, der 50% über dem Kaufpreis liegt. Die Schätzungen (300 bis 900 DM) differieren um 200%.

Das ist das Honorar, das die Schätzer verlangten.

80,15 DM

Zieht man vom Restwert (nach Schätzer K.) die Schätzergebühr ab, so bleibt dem Geschädigten von seinem Auto 44,85 DM.Wir meinen: Das Honorar ist im Verhältnis zum Schaden zu hoch.

46,60 DM

Einen kleinen Fehler weist die Kostenrechnung auf, da 11 % Mehrwertsteuer berechnet wurden. Zulässig sind für Schätzer 5,5%.Wir meinen: Das Honorar ist für die Schadensfeststellung angemessen.

74,91 DM

Wie der Schätzer-Kollege Ha. beweist, kann man für ein geringeres Honorar den Zeitwert besser beurteilen.Wir meinen: Das Honorar ist zu hoch bemessen.

31,65 DM

Schätzer Zi. gehört einer amtlich anerkannten Schätzerstelle an. Zu dieser sind wir mit dem Auto hingefahren. Die Schätzung dauerte 10 Minuten.Das Honorar ist angemessen.

In welch unangenehme Situationen der Autobesitzer durch amtlich anerkannte Schätzer gebracht werden kann, darüber scheinen sich die Schätzer überhaupt keine Gedanken gemacht zu haben.

Nehmen wir unseren Fall als Beispiel: Schätzer K. ermittelt den Zeitwert des Wagens mit 300 DM. Zweifellos wird jeder vernünftige Mensch bei einem so geringen Wert das Auto nicht mehr für rund 500 DM reparieren lassen. Glauben wir aber Schätzer Z., der den Zeitwert auf 900 DM schätzte, dann ist eine Reparatur ohne weiteres sinnvoll. Welchem von diesen beiden Schätzern soll man nun aber glauben? Nehmen wir das Urteil eines dritten Schätzers hinzu, zum Beispiel Gutachter Hü., der den Wagen auf 750 DM taxierte, dann wird das Bild nicht klarer.

Und wenn in unserem Fall die Versicherung für den Schaden hätte aufkommen müssen, dann ist es doch wohl nicht egal, ob wir für den Totalschaden, den drei der vier Schätzer ermittelt hatten, 300, 750 oder 900 DM ausbezahlt bekommen hätten. Solange Schätzer derart legere Gutachten erstellen, denen Sachkunde und verantwortliche Aussage kaum anzumerken sind, solange haftet ihnen der Ruch von Medizinmännern an – und auf die konnte man schon lange verzichten.

Hans-Rüdiger Etzold